Sonntag, 30. April 2017

Neuerscheinung: Das Quäkertum in Deutschland

 Das Quäkertum in Deutschland

Von den ersten Anfängen bis zum Kaiserreich

Studien zur Geschichts­forschung der Neuzeit, Band 89

Hamburg 2016, 468 Seiten, ISBN 978-3-8300-8927-8

Hier eine Rezension zu dem Buch aus der Zeitschrift "Ökumenische Information", 19. Juli 2016


Zum Inhalt

Das Quäkertum kommt ursprünglich aus England und hat auch in Deutschland eine inzwischen über 350jährige Geschichte. Es ist die Geschichte einer Mission, die von England und den USA aus in Preußen und vor allem im Fürstentum Pyrmont-Waldeck Spuren hinterlassen hat.

Von den ersten Anfängen der Deutschlandreise des George Fox und William Penn über die Mission von Elizabeth Fry bis hin zu den letzten Quäkerversammlungen am Beginn des Ersten Weltkriegs werden die zentralen Themen dieser Lebens- und Religionsgemeinschaft behandelt. Das sind vor allem der Pazifismus (bzw. Kriegsdienstverweigerung), die Gefängnisreform, die Eidfrage, aber auch innergemeindliche Konflikte über theologische Fragen und vornehmlich moralisches Verhalten (Eheprobleme, Alkoholfrage, interpersonelle Differenzen).

In dem Band „Das Quäkertum in Deutschland“ werden die politischen und kulturellen Verhältnisse Deutschlands einbezogen, in denen das Quäkertum sich durchsetzen konnte, gegen erheblichen Widerstand und Intoleranz vor allem des Luthertums. Vornehmlich aus dem Geist der Aufklärung heraus, aber auch aufgrund frühindustrieller Förderung und personeller Netzwerke über ganz Europa hinweg konnten sich Quäkerzentren in Bad Pyrmont, Minden, Herford, Barmen, Obernkirchen, Berlin und anderswo herausbilden und reformerisch wirken. Noch heute bekannte Persönlichkeiten hatten damals Quäkerkontakte, etwa die Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe oder Matthias Claudius, und vor allem der preußische Hochadel, wie zum Beispiel die preußische Prinzessin Luise, König Friedrich Wilhelm III. oder Kaiser Wilhelm II. Dieser Band ist auch ein neuer Beitrag zur Minderheitenforschung und zur religiösen Vielfalt, vor allem unter Einbezug angloamerikanischer Fragestellungen und Forschungen. Ergänzt wird dieses neue Standardwerk durch ein ausführliches Quellenverzeichnis, weiterführende Literaturangaben und mehrere benutzerfreundliche Register zum Auffinden spezieller Themen und Interessensschwerpunkte.






Zum Reformationsjubiläum 2017: Martin Luther - George Fox

         Ein Beitrag zur religionsgeschichtlichen Vergleichsforschung:
           Luther und Fox. Luthertum und Quäkertum



                                          Ein methodisches Vorwort: der historische Vergleich                               
Die Geschichte des Luthertums und des Quäkertums fängt an, als diese Begriffe noch gar nicht existierten, denn es ist mit Martin Luther und George Fox im 16. bzw. 17. Jahrhundert zu beginnen. Da die Quäker rund 150 Jahre nach Luther entstanden sind, finden sich schon in ihrer Genese Elemente der Rezeption des Luthertums, was hier etwas näher vorgestellt werden soll.




                                                              Luther (links) und Fox (rechts)


Freilich: Ein Vergleich dieser beiden Personen, und im weiteren Sinne dieser beiden Glaubensgemeinschaften, bringt erhebliche Schwierigkeiten mit sich, da es sich um verschiedene Entstehungszeiten, verschiedene Glaubensformen sowie verschiedene Länder und Sprachen handelt.
Bevor nun ein Vergleich zwischen Luther und Fox vorgenommen werden soll, werden einige Worte über die Methode des Vergleichs vorauszuschicken sein.i In der Geschichtswissenschaft, weniger in der Theologie, aber vermehrt wieder in den Religionswissenschaften, hat man sich intensiv mit Vergleichen im Rahmen der historischen Komparatistik auseinandergesetzt. Seit 1991 gibt es sogar eine Zeitschrift, „Comparativ“, die sich dieser Methode verschrieben hat.
In der modernen Geschichtswissenschaft wurde schon seit Mommsen und Ranke verglichen, wohingegen die wissenschaftliche Reflexion des Vergleichs einhundert Jahre später einsetzte. Man kann also Vergleiche vornehmen und dabei glänzende Ergebnisse erzielen, ohne sich über das Instrumentarium bewusst zu sein, dessen man sich bedient. Erst Otto Hintze und Marc Bloch haben – letztlich ohne Erfolg – in den 1920er Jahren versucht, mit dem Vergleich nationalstaatliche Paradigma zu überwinden, deren Forschungen später von Hartmut Kaelble auf eine europäische Ebene gebracht und weiterentwickelt wurden. Eine bis heute anhaltende Diskussion hat die Vergleichsproblematik in der Zeitgeschichte, entstanden am Diktaturenvergleich des „Dritten Reichs“ mit der DDR, worin es aber weniger um die Methode, sondern um die politische Legitimität von Vergleichen geht.

Sonntag, 16. April 2017

Johann Georg Gichtel, Elisabeth zu Herford, Radikalpietismus


Daß Innerste meines Hertzens mittheilen“



Herford nimmt in der frühneuzeitlichen Religionsgeschichte als Bezugspunkt heterodoxer, von der offiziellen kirchlichen Lehre abweichender, Religionsgemeinschaften eine exponierte Stellung ein. Zwar bezieht sich dies auf den relativ kurzen Zeitraum der Regierungszeit der Pfalzgräfin Elisabeth, doch die Ereignisse um Labadisten, Radikalpietisten und Quäker haben immer wieder die Forschung stimuliert. Erst jüngst wurde in einer geschichtswissenschaftlichen Dissertation die Position der Äbtissin, neben Franciscus Mercurius van Helmont und Benjamin Furley, als „Maklerfigur“ zwischen Konfessionen und religiös-heterodoxen Bewegungen charakterisiert (1).
Das Quäkertum war die wichtigste Religionsgemeinschaft der Frühen Neuzeit, die in Deutschland von außen kommend Fuß fasste. Zahlreiche Herrscher und kirchliche Würdenträger wurden gezielt von England aus aufgesucht, in Norddeutschland entstanden an verschiedenen Orten Quäkergemeinden, die in ein internationales transatlantisches Netzwerk dieser Religionsgemeinschaft eingebunden waren. Die Reaktion der Obrigkeit war differenziert, es gab Beispiele brutaler Verfolgung, und, wie hier, Beispiele bemerkenswerter Toleranz.
Im hiesigen Beitrag wird es um die interdependenten Beziehungen zwischen der Äbtissin einerseits, den Quäkern und dem Radikalpietisten Gichtel andererseits gehen. Es kann gezeigt werden, dass der Reise der Quäker nach Herford von 1677 weitere, weniger bekannte, Besuche vorausgingen, und das diese Reisen Folgen hatten, weit über Herford hinaus. An Gichtel, der 1677 ebenfalls mit Quäkern persönlich zusammentraf, zeigt sich, dass pietistisch gesinnte Persönlichkeiten über Konfessionsgrenzen hinweg miteinander kommunizierten, da es in solchen Kreisen nicht primär um Mission, sondern um eine biblisch zentrierte Lebensausrichtung und Lebensführung ging.


(1) Sünne Juterczenka: Über Gott und die Welt. Endzeitvisionen, Reformdebatten und die europäische Quäkermission in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2008, S.140-146 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 143). Ein entscheidender Unterschied zwischen der Äbtissin und den anderen beiden Personen ist freilich, dass sie nicht den Quäkern angehörten.


aus: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford, 16, 2009, S. 203-220.