Sonntag, 23. Juni 2013

Die Waldschule des Quäker-Ehepaars Pollatz

Nun also folgt endlich der versprochene Bericht!

Viele der handschriftlichen Lebenserinnerungen zu der Waldschule in Dresden-Klotzsche werden in der Autographensammlung der SLUB, also der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek, aufbewahrt, darunter auch solche der ehemaligen Schüler und Schülerinnen der Waldschule.



Was von außen wie ein Westwallbunker aussieht, ist innen ein Schatzkästlein nicht allein der Pollatz-Forschung: die inzwischen nicht mehr ganz so neue SLUB in Dresden (2012).

Kennt man deren Namen, ist es für jeden Benutzer relativ einfach, an neue Quellen heranzukommen – entweder über Sammlung in Bibliotheken bzw. Archiven oder über Kontaktieren von Nachgeborenen. Beides beschäftigt mich schon seit Jahren. Von dem, was ich bekommen habe, möchte ich jetzt gerne etwas an andere zurückgeben. Daher berichte ich heute über einige Aspekte der Waldschule zu Klotzsche, die vielleicht noch nicht so bekannt, aber durchaus interessant sind.

                                                               Werbung musste sein: Zeitungsannonce von 1918. 

Dass an der Waldschule die Kunstpflege einen hohen Stellenwert eingenommen hat, liegt auf der Hand. In Klotzsche gab es den „Verein zur Pflege der Jugend“, der regelmäßig in der Schule zu einem „5-Uhr-Tee“ einlud. Auf die Initiative des Vereins konnte sich die Waldschule ein Piano anschaffen, auf dem mehr oder wenig begeistert geübt wurde. Bei der ersten Musikfeier begrüßte Lili Pollatz „Frl. Gertrud Harlsinger, Frl. Lotte Böttger und Frl. Marianne Tunder“, die in Klotzsche häufiger auftraten.
Neben der Musik war man an der Schule auch an geeignetem Lesestoff interessiert. Manfred Pollatz, der später einmal die Gemeindebibliothek von Klotzsche (Auenstraße) einrichten sollte, baute zuvor an der Waldschule die Hausbibliothek auf; u.a. wurde Andrees Handatlas, Brehms Tierleben, Lurgers Techniklexikon, ein Englischlexikon, Onckens Weltgeschichte, Singers Künstlerlexikon und Springers Kunstgeschichte angeschafft. Es waren Standardwerke, ansonsten las man die Klassiker, von Reformpädagogen wurde hingegen nichts angeschafft, bzw. ist in den Bestandslisten nichts angeführt.
Am wichtigsten der künstlerischen Fächer war vielleicht der Mal- und Zeichenunterricht. Die Kinder durften sich oft selbst aussuchen, was zu zeichnen war oder wurden losgeschickt, passende Objekte zu finden. In einem Tagebuch wird einmal von einer Muschel berichtet, die ein Kind mitbrachte, welches bis zur Elbe und zurück gelaufen war. Meist waren es aber Landschafts- und Tierzeichnungen.
Für den Zeichenunterricht war es gelungen, eine besonders talentierte und engagierte Lehrkraft heranzuziehen, die wöchentlich einmal halbtags an der Waldschule lehrte: Gertrud Caspari (1873 in Chemnitz; 7. Juni 1948 in Klotzsche). Caspari war als Kinderbuchillustratorin tätig, also auf einem Gebiet, welches auch Lili Pollatz sehr am Herzen lag.

Das Grab der Kinderbuchillustratorin Caspari auf dem Neuen Friedhof Klotzsche.

Die Mitarbeit Casparis war eine echte Bereicherung, die manches möglich machte: Einmal jährlich fand eine kleine Kunstausstellung in der Waldschule statt, zu der viele Klotzscher gerne kamen, weil in der Kriegszeit hier Lili Pollatz den Besuchern echten Kaffee ausschenkte. Glücklicherweise hat sich eine Klasse vollständig an der Ausstellung beteiligt und wir können heute über die signierten Zeichnungen diese Klasse namentlich erfassen:

Quinta, 1917/18:

Clara Hedwig Achner
Paul Czerny
Arthur Felix Faber
Bertha Faber
Margarthe(oder a) Helene Hüttig
Herrmann Nagel
Max R. Obenaus
Carl Eduard Pallitzsch
Theodor Saarkamm

Gezeigt wurden Arbeiten aus dem „Nadel- und Zeichenunterricht, aus Werktätigkeit und Naturgeschichte“. Die Veranstaltungen fand statt im Rahmen des „Jugenddanks“. Dabei handelte es sich um eine Aktion, bei der Jungen und Mädchen kleine Kunstarbeiten für schwer verwundete Soldaten oder Hinterbliebene anfertigten. In Sachsen wurde dazu 1917 unter dem Vorsitz des Kultusministers der „Sächsische Jugenddank“ gegründet. Gleichzeitig wollte man einer empfundenen oder tatsächlich eingetretenen Verrohung der Sitten an den Schulen entgegenwirken, auch an privat geführten.
Ein loser Kontakt bestand zwischen der Waldschule, bzw. der Familie Pollatz, und dem „Bund der Kinderreichen“. Am 12. Juli 1921 war Lili Pollatz der Ortsgruppe Klotzsche-Hellerau beigetreten. Unter den 200 Kindern waren auf Festen und Veranstaltungen oft auch die Pollatz-Kinder und andere Schüler der Waldschule zu finden. Der Vorsitzende, ein „Ministerial-Rat Schulze“, hatte selbst seine Tochter der Waldschule für zwei Jahre anvertraut.
Auch Lustiges aus jenen Jahren darf berichtet werden: Manfred Pollatz, obwohl an sich ein ernster Pädagoge und gedankenvoller Humanist, hatte eine menschliche Schwäche: nicht Zigaretten, andere Frauen oder Alkohol, sondern das Karnevalsfest. Leider wissen wir nicht, in welcher Verkleidung Manfred (und vielleicht auch Lili) Pollatz gefeiert haben. An den Umzügen und Festveranstaltungen im Kurhaus nahmen die Waldschüler aber regelmäßig teil, die Kostümierung wurde unter Leitung von Lili Pollatz schon in den Wintermonaten zuvor liebevoll und einfallsreich angefertigt.

Kein Karneval ohne Pollatz – auch ernste Menschen wollen und dürfen einmal am närrischen Treiben teilhaben.

Nach Schließung der Waldschule musste die Familie Pollatz eine harte Zeit durchleben: Lili Pollatz war schwer erkrankt, erlitt eine Fehlgeburt und war in wöchentlicher Behandlung bei Dr. Richard Arndt (Hauptstraße 37). Manfred Pollatz war zunächst ganz ohne festes Einkommen und betätige sich als Kommunalpolitiker für die neugegründete Deutsche Demokratische Partei (DDP).


Die erste Wahl nach dem Ende der Monarchie brachte Pollatz in den Gemeinderat von Klotzsche. Der Listenplatz Nummer 15 war zwar nicht sehr aussichtsreich, doch Pollatz konnte nachrücken, nachdem zwei andere Kandidaten wegen Krankheit und aus privaten Gründen die Wahl nicht annehmen konnten. Manfred Pollatz war zunächst im Armen-, Einquartierungs- und Wasserwerksausschuss tätig, also bei Aufgaben im Bereich der Sozialfürsorge. Der wichtigste Tätigkeitsbereich war hier ab 1919 die Verwaltung der Armenkasse, aus der bedürftigen Einzelfällen schnell, anonym und unbürokratisch geholfen werden konnte. Einige Monate später, im Frühjahr 1921, wurde Pollatz zum Beisitzer der DDP-Ortsgruppe Klotzsche gewählt.
Lili Pollatz bot dann in den späten 1920er Jahren „Webereilehrgänge für Mädchen“ an, die abwechselnd in Klotzsche und auf dem Rittergut Limbach (bei Wilsdruff) stattfanden. Die Kosten für einen solchen Lehrgang betrugen 90 Mark, Verpflegung und Logie in der Villa der Familie Pollatz war gegen ein Aufgeld möglich, wobei die Kursteilnehmer in den ehemaligen Unterrichtsräumen der Waldschule untergebracht waren. Ganz ähnlich war es im Sommer 1923, als sich das Paar Pollatz an der „Woche deutscher, nordischer, englischer und amerikanischer Jugend“ beteiligten, die in Hellerau stattfand. Bei der Familie Pollatz waren zwei Mädchen aus England zu Gast, Lili Pollatz schrieb dazu: „Nach der Rückkehr aus Rähnitz saßen wir noch in der Wohnstube zusammen, später kam Ingeborg (die Tochter einer Hilfslehrerin, die einst an der Waldschule Tanz und Gesang unterrichtet hatte) dazu. Die jungen Menschen sind sehr für den Frieden begeistert und haben auch ein Verständnis für die Grundlagen, die den Frieden ausmachen. Dazu habe ich Ihnen einen Artikel in englischer Sprache vorgelesen, den mir Sullivan vorletzte Woche zugeschickt hat. Wir müssen uns mehr um die Jugend aktiv kümmern, durch ein Christentum der Tat, das aus dem Inneren kommt und uns damit umso stärker Ergreifen kann“. 1925 gab es dann erneut einen „Kinder-Austausch“, diesmal zwischen Klotzsche und dem Rheinland. Die Fahrt wurde vom Verlag „Die schaffende Frau“ (Richard-Wagner-Straße) mitfinanziert. Es ist nicht hundertprozentig erwiesen, dass hier auch Kinder der Pollatzfamilie teilnahmen, aber eine ehemalige Schülerin der Waldschule erwähnt eine Kameradin „Marianne P.“, womit vermutlich die älteste Tochter der Pollatz-Familie, die stets etwas kränkelte, gemeint war.
Obwohl selbst in finanzieller Not beteiligte sich Lili Pollatz auch an Erwerbslosensammlungen; so in Kooperation mit dem Geschäftsmann August Schaaf für den Erwerbslosenrat Groß-Dresden. Bei der Jahressammlung 1922 kamen auf den Vogelwiesen nicht weniger als 2.170.000 Mark zusammen, die zum Teil Erwerbslosen in Klotzsche zu Gute kamen, da die Familie Pollatz, zusammen mit der Bezirkspflegerin Dabis, mit Hilfe der Gelder die jährliche Weihnachtsfeier am Ort für Erwerbslose bestreiten konnte. Es konnte, neben einem kleinen Weihnachtsgeschenk, auch ein Erholungsurlaub für Kinder angeboten werden; Lili Pollatz berichtete rückblickend: „Es sind dann 38 erholungsbedürftige Kinder für volle sechs Wochen in einem herrlich gelegenem Kinderheim in der Schweiz untergebracht worden, die vor einigen Wochen frisch und blühend und mit runden Backen in die Heimat zurückgekehrt sind. Einige der Kinder hatten bis zu 14 Pfund zugenommen! Die Kinder stammen alle aus notleidenden Kreisen; maßgebend für die Auswahl war vor allem der Gesundheitszustand. Voll- und Halbwaise erhielten in dem Kinderheim ganze Freistellen, für die übrigen zahlten die Eltern einen ganz geringen Beitrag. Außer diesen 38 Kindern fanden noch 10 Kinder Aufnahme, für die die Eltern den vollen Unterhalt zahlten“.
Manfred Pollatz konnte jedoch bald nach dem Ende der Waldschule wieder einen Broterwerb finden. Mehr durch Zufall: In Dresden fand eine Vertreterversammlung des Neuen Sächsischen Lehrervereins statt, der an einem Wochenende Ausflüge zu Pädagogen in Hellerau und Klotzsche unternahm. Manfred Pollatz gelang es dann über diesen Kreis, in dem er auch Mitglied wurde, eine neue Stelle zu finden. Mit diesem Sächsischen Lehrerverein kam er im April 1925 nach Leipzig, wo er ja einen Teil seiner akademischen Ausbildung genossen hatte. Aus den Vereinsunterlagen geht hervor, dass Pollatz maßgeblich diese 19. Hauptversammlung vorbereitete. Hier lag seine Stärke: Menschen zusammenzuführen und im Hintergrund zu wirken. 4.000 Teilnehmer mussten versorgt werden, ein Vortragsprogramm war zu entwerfen, Einladungen mussten verschickt werden. Manfred und Lili Pollatz, die selbstverständlich mitreiste, sind auf diesem Treffen mit vielen ehemaligen Kollegen zusammengetroffen, und natürlich auch mit Quäkern, die ja bekanntermaßen sehr viele Pädagogen unter ihren Mitgliedern hatten und haben.
Hier an der Landesschule setzte Manfred Pollatz nun seine sozial-karitativen Aktivitäten fort, was dieser schöne Bericht über eine Weihnachtsfeier 1927 belegt:

Sein pädagogisches Wirken an der Landesschule fand erst ein jähes Ende, als er, wie viele andere, zu Jahresschluss 1933 durch die Nationalsozialisten in den Zwangsruhestand versetzt wurde. Was dann geschah, ist eine andere Geschichte.

Das Ende einer Reformpädagogenkarriere: Pollatz wird in den Ruhestand versetzt.



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