Samstag, 6. April 2013

Hans Klassen: Ein Lebensschicksal des 20. Jahrhunderts (Teil 3)

Klassen als Verleger

Noch ein letztes wichtiges Ereignis im Leben von Hans Klassen fiel in die Neu-Sonnenfelder Jahre: Er gründete einen Verlag. Zunächst vor allem, um für die Kommune Neu-Sonnefeld Werbung zu machen und um die Ideen der Mitglieder, also Pazifismus, Völkerverständigung und Vegetarismus, weiter zu verbreiten. Der Name lautete zunächst etwas umständlich „Verlag Neu-Sonnefelder Jugend Quäkersiedlung Sonnefeld bei Coburg“, wurde aber schon Ende der 20er Jahre in „Neu-Sonnefelder Jugend“ geändert. Verlegt wurde hauptsächlich pazifistische und religiös-soziale Literatur, also Gandhi, Tolstoi oder Bulgakov, dann auch Quäkerliteratur aller Richtungen sowie Kinder- und Jugendliteratur. Das wichtigste Produkt war jedoch zunächst eine Zeitschrift, die Klassen seit 1924 gemeinsam mit Johannes Harder herausgab und die den Titel „Neu-Sonnefelder Jugend“ erhielt. Hier erschienen Berichte, die noch heute die wichtigste Quelle zu der Kommune darstellen.

Das Verlagslogo in den 1920er Jahren.

1928 zog der Verlag erstmals um. Während Valentin Bulgakovs „Leo Tolstoj und die Gegenwart“ 1927 noch im Verlag „Neu-Sonnefelder Jugend Quäkersiedlung Sonnefeld bei Coburg“ erschienen war, erschien „Sie starben um des Glaubens willen“, ebenfalls von Bulgakov, ein Jahr darauf schon im „Verlag Neu-Sonnefelder Jugend, Heppenheim an der Bergstraße“. Ab April 1937 wurde die ganze Verlagsarbeit nach St. Urban am Ossiacher See in Kärnten verlagert. Klassen beabsichtigte, langfristig in Österreich, wo er sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt, zu bleiben. Ein weiterer Grund könnte sein, dass Werke aus seinem Verlag von den Nationalsozialisten möglicherweise verboten wurden, so beispielsweise „Der Eremit und andere Erzählungen“ von Ebba Pauli (1873-1941), das 1927 aus dem Schwedischen übersetzt worden war. Klassen behauptet dies zumindest 1949, doch es scheint der Wahrheit nicht zu entsprechen. Ein Verbot der Bücher Paulis ist ebensowenig nachzuweisen wie ein Verbot anderer Schriften aus dem Verlag Klassens. Ganz im Gegenteil; so erwähnt 1941 die christliche Jüdin Nelly Oettinger (geb. 1883) in ihrem letzten Brief vor ihrer Deportierung und Ermordung, dass sie sich gerade das Buch „Der Eremit“ gekauft habe.
Zwischen 1933 und 1945 sind aber tatsächlich kaum Werke in dem Verlag „Neu-Sonnefelder Jugend“ erschienen, jedenfalls wesentlich weniger als in den 1920er und wieder in den 1950er Jahren, als die Verlagsarbeit ihren Höhepunkt erreichte. Das lag auch daran, dass seit 1945 bei den Verlagsarbeiten und in der Haushaltsführung Klassens Nichte Maritha Spies half, die ihn auch auf Reisen als seine Sekretärin begleitete. So brachte Klassen schon ab 1946 wieder Bücher heraus, diesmal an seinem Wohnsitz in Kassel-Wilhelmshöhe.

Klassen im Dritten Reich

Im Mai 1928 verließ Klassen, dem persönliche Verfehlungen und die Forderung nach der Einführung von Partnertausch vorgeworfen wurden, fluchtartig die Kommune Neu-Sonnefeld.  Die Vorwürfe gegen Klassen konnten nie ganz aufgeklärt werden, hatten aber dramatische Folgen: Die Gemeinschaft Neu-Sonnefeld zerfiel in rivalisierende Gruppen und Grüppchen, der Wirtschaftshof musste schließlich aufgegeben werden, viele zogen fort. Klassen setzte sich nach Heppenheim ab, wegen des milden Klimas, mit Rücksicht auch auf seine inzwischen erkrankte Frau. In Heppenheim nahm er Pfingsten 1928 an einer Tagung über „Sozialismus aus dem Glauben“ im „Halben Mond“ teil, einem bekannten Heppenheimer Hotel, in dem sich im 19. Jahrhundert politische Kräfte zusammengefunden hatten. Klassen widmete sich nun verstärkt seinen verlegerischen und literarischen Tätigkeiten. Fünf Jahre hindurch, bis zum Beginn des Nationalsozialismus, begleitete er den letzten Privatsekretär Tolstois, Valentin Bulgakov, als dessen Reisebetreuer und Dolmetscher auf Vortragstouren durch Deutschland. Überhaupt war Tolstoi, wie für viele seiner Generation, das große Vorbild Klassens. Schon in Neu-Sonnefeld hatte er den Kindern täglich aus den Schriften des Russen vorgelesen, doch erst 1953 konnte er sein lang gehegtes Vorhaben umsetzen, Volkserzählungen Tolstois im eigenen Verlag herauszubringen.
In Heppenheim an der Bergstraße lebte Klassen nun erst einmal bis 1937 im Kontakt mit einer Ansammlung weiterer lebensreformerischer Individualisten. Es war ein buntes Völkchen, zu dem auch Otto Paucke (1898-1984) von der Lebensreformbewegung, Ewald Könemann (1899-1976), der Wegbereiter des ökologischen Landbaus, und Adolf Friedrich Ellerbrock (1858-1959), der „Höhlenmensch von Hambach“, gehörte. Am sogenannten „Essigkamm“, dem südlichen Stadtrand Heppenheims, baute Klassen – allerdings nicht genehmigt – ein russisches Holzhaus, das „Haus am Berg“, wo er eine Süßmostzubereitung samt Verkauf und eine „Diät-Pension“ betrieb. Klassen stand zu dieser Zeit in reger Verbindung mit dem Gründer der Odenwaldschule Paul Geheeb (1870-1961), seiner Frau Edith (geb. Cassirer) und der Familie Martin Bubers (1878-1965), die schon seit 1916 hier lebte. Dieser Kontakt hatte vor allem familiäre Gründe: Klassens Sohn Hanno war Schüler der Odenwaldschule und war dort mit den etwa gleichaltrigen Enkelinnen Bubers, Barbara und Judith, eng befreundet.

Haus von Hans Klassen in Heppenheim, Zustand 2013.

Aus der Heppenheimer Zeit existiert eine interessante Beschreibung Klassens aus der Feder von Paula Buber (1877-1958), der Ehefrau von Martin Buber. In ihrem autobiographischen Roman „Muckensturm“ verbirgt sich hinter der Figur „Hansen“ vermutlich niemand anderes als Hans Klassen. Die Zeilen stellen Hansen/Klassen in kein gutes Licht: „Wovon dieser Hansen lebte, war niemandem klar. (...) Er war ein Staatenloser, das wußte man. (...) Er sprach, vielfach umherreisend, an verschiedenen Orten über das Leben und die Leiden der Wolgadeutschen im heutigen Rußland. (...) Hansen war strenger Vegetarier. Die Familie lebte von Rohkost. Nur Tee wurde in Strömen getrunken. Der Samowar glimmte den ganzen Tag. Und Hansen rauchte ununterbrochen Zigaretten. (...) Frau Hansen, eine hagere hellblonde Person mit einem unschönen aber sympathischen Gesicht, war oft leidend (...). Auch die drei Kinder waren dann unsichtbar. (...) Später unter den Männern behandelte Hansen gern Fragen der erotischen Natur. Er hatte da sehr entschiedene Ansichten. Jede Rücksichtnahme, jede Enthaltung, jede Bindung verurteilte er, weil solche Heuchelei für Charakter und soziales Leben, wie er sagte, verhängnisvolle Folgen habe, den Menschen verbiege und das Zusammenleben vergifte. (...) Hansen hatte noch ein zweites Lieblingsthema, das Schicksal der Wolgadeutschen. Er war in seiner Jugend, wie er behauptete, von Russland nach Deutschland gekommen. Jedenfalls hatte er den Krieg in einem Lager für Zivilgefangene überdauert und gab jetzt kleine Schriftchen auf dem Gebiet der Lebensreform heraus. Sein eigener Lebenslauf war nicht klar und gar nicht durchsichtig“.
Nach dem gescheiterten Siedlungsprojekt mit den Quäkern in Neu-Sonnefeld wurden im Leben Klassens die Mennoniten immer wichtiger. Schon nach dem Ende des Ersten Weltkriegs arbeitete Hans Klassen zunächst bei der Organisation „Brüder in Not“, einem Hilfswerk der Mennoniten. Für die Deutschen in Russland veranstaltete er, wie ja auch im Zitat von Paula Buber erwähnt, Geldsammlungen und berichtete von deren Schicksal an Volkshochschulen, in Genossenschaften und in Vereinen. Klassen intensivierte vor allem seine Kontakte zu den russlanddeutschen Mennoniten, die im Nationalsozialismus, wie alle Auslandsdeutschen, eine besondere Bedeutung hatten.
1937 fand ein bedeutender Wohnortwechsel statt: Klassen zog zusammen mit seiner Frau nach Steindorf (Kärnten). Die zwei Kinder besuchen im nahegelegenen Villach die Schule. In Österreich hoffte Klassen auch, vom Alpentourismus zu profitieren und ihn mit lebensreformerischen Elementen anzureichern. Zu diesem Zweck baute er das bestehende Haus Pressel zu einer vegetarischen Diätpension aus, die er „Haus zum Berge“ nannte. Wirtschaftlich profitabel scheint dieses Projekt wohl nicht gewesen zu sein, denn später, im Jahre 1948, gab er an, damals arbeitslos gewesen zu sein.
Nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich fand Klassen eine neue Arbeit als Kursleiter für Russisch am Volksbildungswerk der Deutschen Arbeitsfront in Darmstadt. Er trat seinen Dienst im September 1939 an, wechselte aber schon im April 1940 zur Hessischen Landesversicherungsanstalt. Darmstadt war für Klassen in vielerlei Hinsicht attraktiv: Zuallererst lebte hier schon seit mindestens 1938 seine Tochter Irene. Von Juni bis Dezember arbeitete sie im Kurheim des Zahnarztes Hans Fuchs (1878-1944) im Darmstädter Vorort Eberstadt. Fuchs ist bekannt als Begründer des Darmstädter Naturisten- und Lebensreformer-Vereins „ORPLID“, wo ganz ähnliche Grundsätze vertreten wurden wie in Klassens Kolonie Neu-Sonnefeld: im „Lichtkleid“ sollte der Mensch eine höhere Kulturstufe erklimmen. Es gab dann des Weiteren in Darmstadt eine russische Kolonie, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte, und es gab auf der Marienhöhe ein freikirchliches Zentrum der Adventisten. Schließlich gab es in Darmstadt eine große Heilanstalt für Lungenkranke, die von Patienten aus ganz Deutschland aufgesucht wurde, was insbesondere für Klassens Frau Bedeutung hatte. Für diese scheint dieser Umzug eine zu große Belastung gewesen zu sein. Sie verstarb im Juni 1939 und wurde in Nieder-Ramstadt (heute Ortsteil von Mühltal bei Darmstadt) beerdigt. Zu diesem Zeitpunkt endete auch Klassens Mitgliedschaft bei der Deutschen Jahresversammlung der Quäker, aus der er 1939 ausgeschlossen wurde. Ein solcher Ausschluss ist in der Geschichte der Deutschen Jahresversammlung nur äußerst selten vorgekommen, nämlich insgesamt lediglich fünf Mal. Es muss davon ausgegangen werden, dass schwerwiegende Gründe vorlagen. Trotz intensiver Nachforschungen in allen mir zugänglichen Akten der Quäker und darüber hinaus ist es bislang nicht gelungen, Näheres darüber in Erfahrung zu bringen.
Nach dem Tode seiner ersten Frau ging Klassen 1940 mit der Sekretärin und gelernten Schauspielerin „Hanny“ (Johanna) Elisabetha Schäfer (geb. am 7. Februar 1922 im badischen Ettenheim) eine Ehe ein, was ihm den Umzug in das vornehme Groß-Glienicke bei Berlin (Uferpromenade 2, Haus nicht erhalten) ermöglichte. Arbeit fand Klassen bei einem Privatbetrieb in Oranienburg bei Berlin. Seine zweite Ehefrau scheint jedoch die Kriegszeit über in Darmstadt geblieben zu sein und hat Klassens Lebensweg auch nach 1945 nicht mehr begleitet – im Jahre 1946 wurde die Ehe geschieden, die damit nicht einmal sieben Jahre bestanden hat. Johanna Elisabetha Schäfer ist schließlich am 31. Oktober 1979 in Darmstadt verstorben.
Klassens Leben nimmt nun eine unerwartete Wendung, denn der ehemalige Verleger pazifistischer Literatur und aktive Lebensreformer wird zum Sachbearbeiter in den bürokratischen Mühlen des „Dritten Reichs“. Ab Mai 1941 stand er der Berliner Geschäftsstelle der „Deutschen Post aus dem Osten“ des Verbandes der Russlanddeutschen vor. Es handelte sich hierbei um ein relativ bedeutungsloses Nachrichtenblatt der Arbeitsgemeinschaft des Vereins Deutscher Kolonisten aus der Ukraine und Polen, das von 1919 bis 1943 von Carlo von Kügelgen herausgegeben wurde. Vom Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete wurde Klassen als Sachbearbeiter der Unterabteilung „Deutsche Volkstums- und Siedlungspolitik“ eingestellt und arbeitete dort vom November 1942 bis zum März 1943. Anschließend war er in der Abteilung „VINETA Aktivpropaganda“ (später „Vineta Propagandadienst Ostraum e. V.“) im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda tätig, wozu ihn insbesondere seine Sprachkenntnisse qualifizierten. „VINETA“ wurde 1941, noch vor dem Russlandfeldzug, in Berlin als zentrale Dolmetscher- und Übersetzerdienststelle für slawische Sprachen eingerichtet. Die Abteilung besaß erhebliche Bedeutung für die Wehrmachtpropaganda. Mit 932 Mitarbeitern war 1944 der personelle Höchststand erreicht. Die Tätigkeit von VINETA, einschließlich Rundfunksendungen in zeitweise 16 Ostsprachen, wurde noch bis April 1945 fortgesetzt.
Am 24. August 1944 trat er eine neue Arbeitsstelle in Litzmannstadt (Lódz) im besetzten Polen an, wo er in der Einwanderungszentrale als Sachbearbeiter angestellt war. Noch 1944, wenige Monate vor Ende des Dritten Reichs, erwarben er und seine – nicht anwesende – Ehefrau durch Einbürgerung die deutsche Staatsbürgerschaft. Sicherlich erleichterte seine eigene Tätigkeit in der Einwanderungszentrale diesen Schritt. Möglicherweise wollte sich Klassen ein Schicksal wie im Ersten Weltkrieg ersparen, möglicherweise wollte er verhindern, an die Russen ausgeliefert zu werden. Schließlich darf man nicht vergessen, dass seit 1941 auf Stalins Anweisung massenweise Russlanddeutsche interniert und ermordet wurden, da man in ihnen potentielle Verbündete Deutschlands sah.
Von Interesse ist noch, wie Klassen das Kriegsende erlebt hatte. Er hatte es geschafft, aus dem östlichen Frontgebiet herauszukommen und nach Westen zu gelangen. Kurzfristig hatte er sich in Sachsen niedergelassen, wo er sogleich wieder begann, religiöse Vorträge zu halten. Dazu Klassen in eigenen Worten: „Als die Russen einmarschiert waren, hielt ich gerade abends einen Vortrag. Plötzlich geht die Türe auf und herein kommen zwei russische Kommissare. Ich denke, sie wollen mich verhaften, aber sie setzen sich und hören still zu. Nach dem Vortrag kommen sie zu mir und drücken mir bewegt die Hände und bitten mich, zu ihren Kompanien, zu ‚ihren Jungens, den Rotarmisten’ zu kommen und auch zu ihnen zu sprechen. Ich sage ja, aber nur auf Grund dieses Bibelbuchs! Und dann habe ich an drei Abenden vor 800 Rotarmisten über das Evangelium gesprochen. Und am Schluss, da kamen alle diese Jungens zu mir und drückten mir die Hand“.

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