Samstag, 3. November 2012

John Greenleaf Whittier: Poetus Quakerianus

An der Düsseldorfer Universität wird im Fach Amerikanistik an einer Dissertation zu dem amerikanischen Quäkerpoeten John Greenleaf Whittier gearbeitet. Das war für mich ein Anlass, mich wieder einmal mit seiner wechselvollen Lebensgeschichte zu beschäftigen:


John Greenleaf Whittier zählt zu den bedeutenden amerikanischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, er ist der gewichtigste Literat, den das Quäkertum bislang hervorgebracht hat. Geboren wurde er am 17. Dezember 1807 in Haverhill (Massachusetts) als Sohn des Farmers John (gest. 1832) und Abigail (geb. Hussey) Whittier und wuchs mit zwei Schwestern und einem Bruder auf. In seiner Kindheit las er die gesamte Bibliothek seines Vaters mehrfach durch - insgesamt sechs Bücher über das Quäkertum. Schon während der Schulzeit in der District School veröffentlichte Whittier 1826 in der Free Press in Newburyport sein erstes Gedicht. Seine Ausbildung schloss er 1827/28 an der Haverhill Academy ab. Whittier war stark am politischen Leben interessiert, konnte sich aber wegen seiner gesundheitlichen Schwächen nur begrenzt engagieren. Er schlug sich zunächst als Schuhmacher und Hilfslehrer durchs Leben.
In Boston gab er 1829 den American Manufacturer und die Essex Gazette heraus, 1830 wurde er Herausgeber der New England Weekly Review in Hartford, Connecticut, und schloss Freundschaft mit dem Abolitionisten William Lloyd Garrison (1805-1879). 1832 zog er, da er durch eine verlorene Kongresswahl in seinen Grundfesten erschüttert war, wieder zurück in seine Heimat Massachusetts. Er begründete die American Anti-Slavery Society und wurde 1833 für die Gesellschaft gegen Sklaverei nach Philadelphia delegiert. Auch unterzeichnete er im gleichen Jahr die Anti-Slavery-Declaration (Declaration of Sentiments). Immer wieder wurde Whittier auch Opfer rassistischer Überfälle und einmal sogar beinahe zu Tode gesteinigt (1836), was seinem Engagement aber keinen Abbruch tat. 1835 wurde er zum Abgeordneten des Senats (State Legislature) ernannt und um näher am Versammlungshaus der Quäker zu sein verlegte er seinen Wohnsitz nach Amesbury. 1837 ging ohne sein Wissen die erste Sammlung seiner Gedichte in den Druck, doch erst die Ausgabe von 1838 wurde mit seiner Zustimmung gedruckt. 1838 wurde er Herausgeber des Pennsylvanian Freeman, 1848 von The National Era. 1840 trennte er sich von Garrison und gründete, nachdem er sich zuvor in der Whig-Partei engagiert hatte, die Liberty Party. Um 1855 favorisierte er die Republikanischen Partei. Aus gesundheitlichen Gründen zog sich Whittier, der nie heiratete, für die zweite Lebenshälfte ganz in seine Heimat nach Amesbury zurück und widmete sich schriftstellerischen Arbeiten. Eng befreundet war er mit Elizabeth (Lloyd) Howell (1811-1896), entschied sich aber 1859 gegen eine Ehe, sondern lebte mit seiner Schwester Elizabeth zusammen. 1892 verstarb der gefeierte Poet in seinem 85. Lebensjahr in Hampton Falls (New Hampshire) an einem Schlaganfall. In Amesbury wurde er im Familiengrab der Whittier beigesetzt.
Die meisten Gedichte Whittiers wie auch andere seiner literarischen Arbeiten thematisieren die Sklaverei. Bekannt wurde er mit den Gedichten „Barbara Frietchie“, „Dear Lord and Father of Mankind“ und „Song of the Negro Boatmen“. Viele dieser Gedichte wurden musikalisch zu Hymnen umgearbeitet und dadurch weit verbreitet. Ab 1865 schrieb er vermehrt über Religion, Alltagsgeschichten, die Natur und das ländliche Leben in New England und wurde zum damals wichtigsten Heimatschriftsteller der USA. 1871 gab er eine neue Edition von John Woolmans „Journal“ (eine Art spirituelles Tagebuch) heraus, welches zur Weltliteratur zählt. Erfolgreich waren auch „Telling the Bees“ (1857) und vor allem seine Ballade „Snow-Bound“ (1866), sein mit 100.000 verkauften Exemplaren erster Bestseller, der es ihm möglich machte, von seinen literarischen Arbeiten zu leben, sowie „The Pennsylvania Pilgrim“ (1872) und „The King’s Missive“ (1881). Whittier, der seine Erfolge in Amerika hatte und in England wenig geschätzt war, wurde im 20. Jahrhundert außerhalb des Schulunterrichts kaum mehr gelesen. Vor allem seine Schriften gegen die Sklaverei (Lays of My Home, and Other Poems, 1843) schien unter literaturkritischen Gesichtspunkten von zweifelhaftem Wert, durchsetzt von Sentimentalität und moralischem Unterton. Erst im Laufe der letzten zwanzig Jahre erfuhr mit dem neuen Interesse an Reformtätigkeiten und Philanthropie gerade sein frühes literarisches Werk eine neue Aufmerksamkeit, wohingegen der späte Whittier als Ahnherr des Naturschutzes und der Ökologiebewegung verstanden werden kann.

(Erstveröffentlichung BBKL, Bd. 32, 2011, Sp. 1492-1500)

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