Sonntag, 4. Dezember 2011

"Zehn kleine Quäkerlein": jetzt wird gesungen

Neu erschienen ist jetzt also ein Liedbuch der DJV. Was (vor allem jüngere Quäker) nicht wissen: es ist nicht das erste Liedbuch der deutschen Quäker. Schon 1935 erschien ein gleichnamiges Buch "Lieder der Freunde", dessen Entstehungshintergrund nicht uninteressant ist, auf den ich hier aber nicht eingehen kann.

Der Kola ist skeptisch: muss das sein?

Das neue Buch von 2011 hat also ebenfalls den Titel "Lieder der Freunde". Ein Vorwort fehlt leider, und auf der Homepage der DJV (http://www.rgdf.de) wurde über das neue Buch mit keinem Wort berichtet. Es wäre doch angemessen, dort über diese Neuerscheinung einmal zu informieren. Nicht einmal bei der Kategorie "Literatur" wird es zum Verkauf angeboten, dagegen immer noch "Vom Sinn und Endzweck des Lebens" aus dem Jahre 1947!


Auch bei allen großen Internetportalen wie abebooks, Amazon, Libri ist dieses Buch nirgends zu finden. Wer soll es denn kaufen? Es ist merkwürdig: wieder einmal wurde Geld und Mühe in ein Buch investiert, das dann regelrecht versteckt gehalten wird. Nicht einmal in der Zeitschrift "Quäker" wurde darüber berichtet, und wer soll es denn tun, wenn nicht dieses Organ?
Mir ist nicht ganz klar, für wen dieses Buch eigentlich gemacht ist. Manche der Texte scheinen für Kinder zu sein, wobei sie für mich teilweise recht altmodisch und infantil wirken. So findet man ein Liedchen mit folgendem Text:

"Alle Kinder sind schon da / in der stillen Andacht. Möchten gern ein Liedchen singen oder sich im Kreise schwingen / doch das geht hier wirklich nicht! Lasst uns alle schweigen!"

Ich bin wirklich ratlos, was man zu solchen Texten sagen soll. Oder zu: dem Lied "Wir sitzen hier im frohen Kreis":

"Ihr Großen und ihr Kinderlein
Auf: Lasst uns gute Quäker sein!
Auch, wenn wir uns mal zanken!
Ist unser Lichtlein noch so klein-
der nächste glänzt in seinem Schein.
Die Freundschaft darf nicht wanken!
Nun lasst uns alle danken"

Völlig unbekannt war mir bislang das Lied "George Fox". Ob Fox wohl fröhlich den Refrain zu diesem Liede mitgesungen hätte?:

"Alte Lederhosen, sträniges Gelock -
Alte Leserhosen, Flicken auf dem Rock.
Mit den alten Lederhosen und den Fkicken deines Rocks
rüttelst Du nun an den Pfeilern dieser Welt, George Fox".

Es steht tatsächlich "Leserhosen" und "Fkicken", wie leider unnötig viele Tippfehler auf den Seiten zu finden sind, die eigentlich schon ein einfacher Texteditor rot markiert. Hätte man das Manuskript zuvor nur einmal Korrektur gelesen, wäre das Schlimmste verhindert worden.

Ich will jetzt nicht auf jedes Liedchen eingehen, da ich nicht glaube, das von diesem Heft nennenswerte Impulse ausgehen werden. Warum etwa "Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald" hier zu finden ist, erschließt sich mir nicht recht. Rocksongs oder das moderne Liedgut, welches man aus Evangelikalen Gemeinden kennt, fehlen leider vollständig, dafür sind einige deutsche Volkslieder enthalten. Gefreut hat mich, das Lied "Der Mond ist aufgegangen" von Matthias Claudius zu finden. Wenige wissen, dass er Zeit seines Lebens Kontakt mit Quäkern hatte, die Kolonie Friedensthal mehrfach besuchte und dieser vermutlich sogar den Namen gegeben hat.

Ich war mit dem Lesen schon fast fertig, als ich auf das letzte Lied gestoßen bin: "Zehn kleine Quäkerlein" soll man da fröhlichen Herzens singen, mit Strophen wie

"Acht kleine Quäkerlein, die waren noch geblieben
Da dachte eins zuviel an "Penn", es wachten nur noch sieben"

"Zwei kleine Quäkerlein versuchen's noch mit Krampf.
Das eine sitzt wie'n Lineal, das andre fällt im Kampf"

Ich muss sagen, ich würde mich weigern, so etwas zu singen. Diese Fassung geht auf das rassistische Lied Ten Little Niggers zurück, welches 1869 in den USA ein Erfolg war (unter den Weißen natürlich).   Im Nationalsozialismus wurde die deutsche Fassung "Zehn kleine Negerlein" populär und bei Veranstaltungen gerne gesungen, so 1934 im Berliner Sportpalast. Heute ist das unschöne Lied zum Glück kaum mehr bekannt.

Einfachheit und ein nüchterner Geschäftssinn sind eigentlich alte Quäkertugenden. Die 2000 Euro, die für dieses Heft von der DJV großzügig ausgegeben wurden, finde ich nicht angemessen investiert.