Donnerstag, 8. Dezember 2011

Problematische Ausstellung: DJV ehrt ehemaligen Nazi-Künstler

Die DJV veranstaltet neuerdings in der Berliner Planckstraße kleine Kunstausstellungen. Da nur die wenigsten Mitglieder der DJV die Möglichkeit haben, diese vor Ort anzusehen und ansonsten nirgendwo über die Ausstellung berichtet wurde, erlaube ich mir hier kurz einige Überlegungen.

In den Protokollen der Monatsversammlungen der Berliner Gruppe wurde diese Ausstellung nicht erwähnt, und auch auf Ebene des Bezirkes oder der JV habe ich keinen Beschluss zu dieser etwas ominösen Ausstellung finden können.
Mit Eberhard Tacke wird jetzt eine problematische Person gewürdigt, und die Ausstellungsmacher habe sich offensichtlich zu wenig Gedanken darüber gemacht, wer hier eigentlich präsentiert wird, bzw. in welcher Form dies geschieht.
Ich habe die gesamte nationalsozialistische Vergangenheit Tackes ausführlich in einem Aufsatz (1) dargelegt und auch in meinem Buch „Quäker aus Politik, Kunst und Wissenschaft in Deutschland“ dazu kritische Worte fallen lassen. In der Eingangshalle findet man immerhin ein Infoblatt:


Mitnichten gibt es, wie auf dem Blatt behauptet wird, zu der NS-Zeit nur „spärliche Informationen“, sondern in verschiedenen Archiven zahlreiche Dokumente. Ich mache aber hier keine Geschichtsstunde, sondern ergänze nur:

Tacke gehörte zu den Vertretern der „arischen Kunst“, die mit Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gefördert wurde, etwa durch Stipendien auf der Eliteakademie Neuburg bei Passau. 1936 findet man ihn im Künstler-Kameradschaftslager Hohenlychen, 1938 im Gemeinschaftswerk „Kunst und Künstler“ des Gaues Köln-Aachen – alles Organisationen einer grauenhaften NS-Kunst. Viele Künstler haben sich geweigert, ihre Werke solchen Kreisen zur Verfügung zu stellen, anders Tacke. Er wird Mitglied der Deutschen Kunst-Gesellschaft zu Karlsruhe, die brutale Aktionen gegen die „Verrottung der Kunst“ durchführte und sich den Kampf für eine „rein deutsche, dem deutschen Wesen“ entsprechende Kunst auf die Fahnen geschrieben hatte. Im November 1938 trat Tacke sogar freiwillig der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt bei, für die er als Blockhelfer aktiv war. Dazu muss man wissen, dass diese Personen sogut wie immer in einem besonderen Vertrauensverhältnis zur NSDAP standen. 1940 schloss Tacke sich dem antisemitischen Propagandaverein „Nordische Gesellschaft“ (Reichskontor Berlin) an. 1940 ließ er sich noch bei der Schutzpolizei Berlin ausbilden. Falsch ist, dass er 1940 „zum Kriegsdienst eingezogen“ wurde, sondern Tacke meldete sich im Januar 1941 als Freiwilliger zur Wehrmacht. Als Freiwilliger hatte er bestimmte Privilegien und war meist mit Kommunikationsaufgaben als Flieger hinter der Front beauftragt und brachte es in dieser Position zum Obergefreiten. Bald aber kam es auch zu Kampfeinsätzen, nicht nur gelegentlich, sondern Tacke kämpfte an vorderster Front von Finnland bis hinunter nach Italien, wo er schließlich gefangen genommen wurde. Ich könnte noch viel zu dieser Zeit schreiben, vor allem auch darüber, was Tacke damals gemalt hat: nicht Blümchen oder Heiligenbilder, sondern Parteimitglieder bis hinauf zu Adolf Hitler. Ich kann das hier alles nicht ausführen, wen es interessiert, der muss sich eben einmal meine Aufsatz besorgen.
Nun, es ist richtig, dass Tacke ein Mal Niemöller persönlich traf – doch das war lange nach 1945!! Angebliche Kontakte zur bekennenden Kirche sind keinesfalls belegt und mit dieser Behauptung wollen die Ausstellungsmacher offensichtlich von der NS-Vergangenheit ablenken.
Ich kann durchaus verstehen, dass hier der Quäker Tacke als makel- und fehlerlos präsentiert werden soll. Man kann dies tun. Man tut dies jedoch auf Kosten der Glaubwürdigkeit und lässt vor allem die Hauptfrage nicht zu, die ich als Pädagoge wichtig gehalten hätte: wie nämlich aus einem Wehrmachtssoldaten und Nationalsozialisten ein Quäker und Pazifist wurde. Schade, dass man sich dieser Frage nicht gestellt hat.
Fast noch eigenartiger als die ganze leidige Vergangenheitsproblematik finde ich die religiöse Zugehörigkeit Tackes. Er hatte nämlich so etwas wie eine Dreifachmitgliedschaft. Aus dem Info-Blatt in der Planckstraße geht noch nicht einmal hervor, dass er Mitglied bei der DJV war (nicht „Kontakte zu den Quäkern“ – er war Quäker, und zwar schon 1943). Gleichzeitig besuchte er aber auch die katholische Messe, nicht gelegentlich, sondern regelmäßig. Dann wieder verkehrte er unter den Evangelischen und wurde als Gemeindemitglied gesehen (was er nicht war): Pastorin Almuth Berger leitete nach Tackes Tod 1989 die evangelische Bestattung unter Friedrich-Wilhelm Hünerbein auf dem Berliner Friedhof Baumschulenweg.



Noch eine Bemerkung: die Ausstellung war von einen auf den anderen Tag 2010 eingerichtet worden. Welcher Ausschuss oder welche Personen dafür Verantwortung tragen, geht nirgends hervor, alles ist anonym. Auch Mitglieder der Berliner Gruppe konnten mir nichts dazu sagen, die Ausstellung sei eben „einfach da gewesen“.

Nun, ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn die DJV jetzt Kunstausstellungen ermöglicht. Ich zeichne selbst, und vielleicht habe ich auch Lust, einmal meine Werke zu präsentieren - why not? Es sollte aber Regeln geben. Und zu den Regeln gehört, die Mitglieder zu fragen, ob es überhaupt, und wenn ja von wem, solche Ausstellungen geben soll. Nur wenn Mitglieder davon erfahren, was geplant ist, dann kann man sich auch einbringen. Ansonsten bleibt nichts anderes übrig, als sich wie hier, nachträglich zu Worte zu melden.

(1) Eberhard Tacke (1903-1989): Ein Berliner Zeichner, Lithograph und Maler, in: Mitteilungen der Ev. Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte, 4, 2010, S. 51-68.