Samstag, 9. Februar 2013

Hans Klassen: Ein Lebensschicksal des 20. Jahrhunderts (Teil 2)

Soziale Experimente

Nach seiner Freilassung heiratete er 1919 in Halle an der Saale Wally (Waltraud) Rast (geb. 1893). Ein Jahr darauf wurde in Mühlhausen (Thüringen) ihr Sohn Hanno geboren. Zu dieser Zeit verfolgte Klassen mit Begeisterung ein lebensreformerisches Projekt auf der Breitewitzer Mühle, die in einer Waldlichtung der Dübener Heide (zwischen Wittenberg und Halle) gelegen war. Infolge der Wirtschaftskrise nach dem Krieg war dort ein Kinderheim Bankrott gegangen - es wurde nach einem neuen, geeigneten Betreiber gesucht. Daraufhin boten Klassen und sein Schwiegervater Konrad Rast an, das Heim zu erhalten. Für wenige Monate entstand unter Klassen ein lebensreformerisches Projekt zumeist junger und unverheirateter Leute. Einer von ihnen war übrigens der bekannte Mennonit Johannes Harder (1903-1987), dessen Biografie bemerkenswerte Parallelen zu der von Klassen aufweist: Auch er stammte aus Russland, gehörte den Mennoniten an, bewegte sich in lebensreformerischen Kreisen und arbeitete als Verleger. Wie Klassen ließ auch Harder sich teilweise von der Ideologie des Nationalsozialismus vereinnahmen; er war im Range eines SS-Untersturmführers Lektor unter Horst Hoffmeyer an der Volksdeutschen Mittelstelle (Vomi) in Odessa. Zuvor (im oder kurz nach Dezember 1941) wurde ihm später in Berlin-Charlottenburg eine Arbeitsstelle im „Verein für das Deutschtum im Ausland“ vermittelt – von niemand anderem als von Hans Klassen.
Harder bezeichnet die Teilnehmer auf der Breitewitzer Mühle als Baptisten, die aus ihren Gemeinden wegen „ketzerischer Ideen“ ausgeschlossen worden seien. Dieser Einschätzung, die positiv gemeint war, ist durchaus Glauben zu schenken, denn dem Mennoniten Harder waren die konfessionellen Unterschiede zu den Baptisten zweifellos bekannt. Die Gemeinschaft lebte von einkehrenden Urlaubern, von dem wiedereröffneten Kinderheim und dem Herstellen von Korbwaren, die immerhin bis nach Hamburg verkauft wurden. Klassen engagierte sich jedoch nicht besonders lange in diesem Sozialexperiment, da er schon längst in Franken neue Pläne verfolgte. Bei seiner Festsetzung auf Schloss Hassenberg bei Coburg hatte er Kontakt mit religiös gesinnten Personen aus der Umgebung aufgenommen. Es handelte sich wieder um junge Menschen aus freikirchlichen Kreisen, überwiegend um Mennoniten, aber auch um Baptisten. Die jungen Menschen standen vor einer unsicheren Zukunft, der verlorene Krieg und die wirtschaftliche Not führten sie zusammen und sie fanden in Klassen ihren Mentor und Ideengeber. Klassen hatte ein ganz besonderes Charisma, das vor allem unselbstständige und verunsicherte Personen anzog und an ihn band.
Mit rund einem Dutzend Männern und Frauen gründete Klassen nun die Lebensgemeinschaft Neu-Sonnefeld bei Coburg. Im Gegensatz zu den politischen, völkischen, sozialistischen oder anarchistischen Siedlungsversuchen dieser Zeit gehört die Kommune Neu-Sonnefeld zu den religiösen Lebensgemeinschaften. Die Gemeinschaft war an lebensreformerischen Grundsätzen wie Vegetarismus, Pazifismus und Gütergemeinschaft orientiert. Wie in der Breitewitzer Mühle wurden auch in Neu-Sonnefeld Kinder aus Großstädten in einem Heim aufgenommen und erzogen. Das wurde bald die Haupteinnahmequelle dieser Unternehmung. Auf dem Giebel des Kinderheims wurde von Hans Fiedler die Schrift „75 vor 2000“ angebracht, um anzudeuten, dass man sich 75 Jahre vor dem Weltuntergang befände, der von den Siedlern für das Jahr 2000 erwartet wurde.

Das Hauptgebäude der Siedler steht noch heute
Auch Quäker hatten sich hier eingefunden, wie überhaupt Neu-Sonnefeld eher vom Quäkertum als vom Menonitentum geprägt war. Es gab jetzt schweigende Andachten (zwei Mal wöchentlich!), einen „Schreiber“ (selbstverständlich Hans Klassen) und eine ausgeprägte pazifistische Grundhaltung der Gruppe. 1926 traten dann Hans und Wally Klassen der „Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker)“ bei. Am Gründungsprozess dieser Gesellschaft ein Jahr zuvor hatte Hans Klassen persönlich teilgenommen. Während Klassen unter den deutschen Quäkern heute zu Recht oder zu Unrecht völlig vergessen ist, war er einst ihr nicht unwichtiger Mitgründer gewesen, der auch inhaltlich immer wieder, etwa in Zeitschriftenbeiträgen, Impulse gab. 1925 führte die Deutsche Jahresversammlung, die Dachorganisation der deutschen Quäker, ihre erste Kinderfreizeit und 1926 ihr erstes Jahrestreffen in Neu-Sonnefeld durch. Klassen war zu diesem Zeitpunkt eine Führerfigur des deutschen Quäkertums in Süddeutschland, sein Einfluss war maßgeblich, auf seine Stimme wurde gehört.
Dann, zu Pfingsten 1927, fand ein weiteres großes Ereignis in der Kommune statt: Es tagte der Deutsche Versöhnungsbund. Redner waren bekannte Persönlichkeiten der Lebensreform, wie Eberhard Arnold (1883-1935) oder Waldus Nestler (1887-1954). Viele Quäker, die im Versöhnungsbund aktiv waren, nutzten diese Gelegenheit, um erneut nach Neu-Sonnefeld zu reisen. Klassen leitete von Neu-Sonnefeld aus das regionale süddeutsche Zentrum des Deutschen Versöhnungsbundes, dessen engagiertes Mitglied er war. Nicht zuletzt wegen Klassen unterhielt der Versöhnungsbund in dem kleinen Sonnefeld sogar eine eigene Geschäftsstelle. Arnold hatte übrigens schon vorher mit Klassen in Kontakt gestanden: Er besuchte ihn Ende 1921, nachdem er gerade die Neuwerkbewegung ins Leben gerufen hatte. Über mehrere Tage sprach er mit Klassen intensiv über mögliche Verbindungen zwischen beiden Bewegungen. Die beiden Persönlichkeiten konnten jedoch keinen Konsens finden, Neuwerk-Bewegung und Neu-Sonnefeld gingen hinfort getrennte Wege.

"Der Sonn' entgegen" - Lebensreform-Kunst von Frau Klassen.

1 Kommentar:

Wagner hat gesagt…

Ich stamme aus Gräfenhainichen, kenne die Breitewitzer Mühle im Jösigker Forst, als dort noch Häuserreste zu erkennen waren. Nach Erzählungen der Großeltern und der Mutter nannte man den wüsten Ort die "USA", aber als zusammengezogene Buchstaben,also ein Wort "Usa", weil sich dort Auswanderungswillige auf das neue Leben in Amerika vorbereiten wollten.