Montag, 31. Dezember 2012

Vom Islam und der Seelenwanderungs-Lehre: George Keith (1638-1716)

Es ist so gut wie unbekannt, dass die Quäker auch eine islamische Wurzel haben. Ich verdanke den Hinweis auf die folgenden Überlegungen Professor G. Lischke, dem ich zu einem besonderen Dank verpflichtet bin, dass er mich auf diese spannenden Zusammenhänge aufmerksam machte: Ibn Tufail (1105-1185) war Leibarzt und Wesir des Almohaden-Kalifs Abu Jakub Jusuf. Seine Schriften sind leider verloren, mit einer Ausnahme: Den zur Falasafa des Islam gehörenden Romans „Hayy ibn Yaqzan“ (erwähnenswert ist, dass er der Lehrer und Förderer des größten islamischen Philosophen, Abu Walid Ibn Rushd war, dessen Aristoteles-Kommentar bis heute als einer der Besten gilt).
„Der lebende Sohn des Wachenden“ wird als Säugling in einem Bastkorb auf eine einsame Insel verschlagen (Anklänge an die Moses-Geschichte sind unverkennbar). Dort, auf der einsamen Insel (ein Symbol für den Rückzug des Gelehrten), wird er von einer Gazelle groß gezogen. Den Altersstufen entsprechend entwickelt er eine Zeichensprache und erwirbt allein durch genaue Beobachtung und Experimente alle Wissenschaften - ohne Lehrer. Als er fünfzig Jahre ist, entdeckt er den islamischen Gott - er nennt ihn „Das notwendig Seiende“. Dieses Seiende durchwirkt das Weltall, und ist in jedem Menschen „als das Licht vorhanden“. Dieser Roman wurde bereits im Mittelalter ins Lateinische übertragen und löste sogleich heftigste Diskussionen aus. In der Neuzeit gilt er als einer der wichtigsten Anstösse der „Aufklärung“.
Von Leibniz über Defoe bis Lessing wurde er rezipiert und verarbeitet. 1674 wurde er von dem Quäker Keith aus dem Arabischen ins Englische übersetzt. Den Quäkern fiel sofort die Ähnlichkeit ihrer Lehre „von dem, was von Gott in uns ist“ und der islamischen Vorstellung Hayys auf. 1676 schrieb Robert Barcley seine „Apologia der wahren christlichen Gottesgelehrsamkeit, wie sie von jenen geboten und gepredigt wird, die man im Zorn Quäker nennt“. Der Verfasser gibt darin eine Zusammenfassung das Romans und betont, dass „darin das beste und sicherste Wissen von Gott“ sei. Es finde sich darin die beste Beschreibung der „Vereinigung des menschlichen Geistes mit dem Höchsten Intellekt“. Das Innere Licht, die Gnade, ist ihm zufolge allen Menschen gegeben. Alle Menschen können durch das innere Licht gerettet werden: „Öffnet die Quelle in Euch! Es bedarf dazu nicht der etablierten Religionen“. Die Quäker dieser Zeit nahmen all dies enthusiastisch auf, später wurde es vergessen (Quelle für die Quäkergeschichte: O. Best, Nachwort zur deutschen Ausgabe des Hayy unter dem Namen „Der Ur-Robinson“. Es gibt jetzt eine moderne und genauere Übersetzung unter dem Titel „Der Autodidakt“).

Doch kehren wir zurück zu dem Übersetzer, George Keith. Wer war dieser Gelehrte, von dem man bei Quäkern so selten hört? Wer das folgende zu Ende liest, wird erfahren, warum:

George Keith stammte aus Aberdeen, Schottland. Dort wurde er auf dem Anwesen Keith Hall in Aberdeenshire 1638 geboren. Er besuchte das Marischal College und studierte dann Philosophie und Theologie, auch in der Mathematik war er bewandert. 1657 erlangte er den MA an der Universität von Aberdeen. Seinen Lebensunterhalt bestritt er zunächst als Informator (Hilfslehrer) in adeligen Haushalten. Dann wurde er als Landvermesser und Mathematiker von der Scottish Kirk eingestellt, in der er bereits erste kontroverse Predigten hielt. 1671 heiratete er Elizabeth (geb. Johnson, auch Johnston). Das Paar hatte drei Töchter.
Um 1662 war Keith mit Quäkern in Kontakt gekommen, seit 1664 bekannte er sich zu deren Grundsätzen. Seit dieser Zeit wurde er bis etwa 1680 als solcher verfolgt und in England zeitweise inhaftiert. Als der Lehrer Christopher Taylor nach Nordamerika emigrierte und dessen Stelle an der Schule von Edmonton (Middlesex) frei wurde, folgte ihm Keith um 1682 auf diesem Posten nach. Hier arbeitete Keith jedoch nur kurze Zeit, denn noch vor seiner eigenen Emigration gründete er in Theobalds (Hertfordshire) eine eigene Schule, wo u.a. auch Robert Barclay d. J. (1672-1747) unterrichtet wurde. In Theobalds wurde Keith verfolgt, weil er offensichtlich keine Lizenz zum Führen der Schule besaß, die keinem Quäker, unabhängig von seiner Qualifikation, ausgestellt wurde.
Für die Geschichte des Pietismus ist die Teilnahme von Keith an einer Deutschlandreise 1677 von Bedeutung. Am 25. Juli 1677 war er und seine Frau Elizabeth (Johns(t)on) mit bedeutenden Quäkern seiner Zeit, wie George Fox (1624-1691), Robert Barclay (1648-1690), William Penn (1644-1718), John Furly (1618-1686) und dessen Bruder Benjamin (1636-1714), William Tallcoat, George Watts und Isabel Yeomans (geb. 1637, eine Tochter von Margaret Fell, 1614-1702), zu einer Europareise aufgebrochen. Das Ehepaar Keith verließ Amsterdam, wo Keith mit dem Radikalpietisten Johann Georg Gichtel (1638-1710) zusammengetroffen war, mit dem Ziel, die Pfalzgräfin Elisabeth (1618-1680) und die Pietisten in Frankfurt am Main aufzusuchen. Am 18. August 1677 trafen Keith und seine Begleiter von Herford, Paderborn, und Kassel kommend in Frankfurt ein. Sie blieben bis zum Nachmittag des 22. August und hielten mit lutherischen wie reformierten Pietisten gemeinsame Andachten. Nach einer letzten öffentlichen Versammlung bei Jacob van de Walle verließen die Quäker am Abend des 29. August Frankfurt und machten sich über Mainz auf die Rückreise.
Keith sah seine weitere Zukunft nicht in England. Er wanderte 1684 von seinem letzten Wohnsitz, Aberdeen, nach New Jersey aus und ließ sich nahe Freehold im Monmouth County nieder. 1685 wurde er zum Surveyor-General der britischen Kolonie ernannt und war für Landvermessungen zuständig. Auf Keith geht die „Province Line“ zwischen Ost und West Jersey zurück. 1689 zog er mit seiner Familie nach Philadelphia, wo er, als Schulleiter, Latein an einer Quäkerschule unterrichtete. Er war von Penn hierher gerufen worden, der in ihm einen „out of town expert“ zur Lösung verschiedener Probleme sah - doch die unbestreitbare Expertise des Keith führte zu einem ganz anderen Ergebnis, als Penn es erwartet hatte. Es stellte sich heraus, dass sich die Quäker von Philadelphia nicht von einem Ortsfremden belehren lassen wollten, der ihnen von einem Engländer geschickt worden war. Penn hatte über seine eigene Kolonie nie die Autorität, die ihm die späteren Biographen verklärend zuschrieben: Schon nach kurzer Zeit kam es zu Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb von Quäkerversammlungen. Keith prangerte unbeirrt in Traktaten die verlogene und selbstgefällige Lebensweise der Quäkeraristokratie in Philadelphia und deren Sklavenhalterei an. Auch kritisierte er, dass die Quäker sich allzu häufig hinter Verfahrensfragen verstecken würden, um inhaltliche Stellungsnahme zu umgehen. 1690 brach er mit den Quäkern und gründete eine eigene Gemeinde, die von den Gegnern als „Keithians“, „Keithian Quakers“, „Baptist Quakers“ oder „Separatisten“ („Separatists“) benannt wurde. Die Abspaltung um Keith nannte sich selbst hingegen „Christian Quakers“. Dies tat sie nicht, um sich selbst den sonstigen Quäkern gegenüber als “christlich” hervorzuheben, sondern um den Vorwurf, den Boden des Christentums verlassen zu haben, zu entkräften. Während die Quäker in Rhode Island Keith fast geschlossen folgten, opponierte vor allem das mächtige Philadelphia Yearly Meeting unter ihren Wortführern Samuel Jennings (gest. 1708) und Thomas Lloyd (1639/40-1694). Diesen warf Keith vor, zu sehr in die Privatsphäre der Mitglieder sanktionierend einzugreifen, bei Glaubensfragen aber eine laxe Indifferenz walten zu lassen. Ihm hingegen lag daran, dass sich neue Mitglieder zu Christus verpflichten sollten und er war der Überzeugung, alle Quäker würden einer Liste seiner christlichen „Grundwahrheiten“ beipflichten. Insbesondere beinhaltete die Verpflichtung zu Christus ein Bekenntnis zu dessen Gottheit, was einige Quäker in Philadelphia nicht länger akzeptierten. Das „Innere Licht“ sollte, so Keith, vor allem nicht höher gewertet werden als die biblischen Wahrheiten, denen stets der Vorzug gegeben werden müsse. Das eigentliche Problem war also, dass nicht Keith, wohl aber die Quäker von Philadelphia von den Grundsätzen des frühen Quäkertums abwichen, gleichzeitig aber jeder Diskussion darüber auswichen: Mit einer zu vier Stimmen wurden die Schriften von Keith vom Philadelphia Yearly Meeting der Zensur unterworfen. Auch waren die Quäker, die inzwischen auf beiden Seiten des Atlantiks toleriert wurden, an einer neuerlichen Radikalisierung der Quäkerbewegung wenig interessiert. Wäre Keith 200 Jahre später geboren, hätten seine Ansichten unter den evangelikalen Quäkern Zustimmung statt Ablehnung erzeugt. Keith ist es zu verdanken, dass sich, nachdem die Wogen des Streits sich wieder glätteten, die amerikanischen Quäker, zumindest in Teilen, doch dem Evangelikalismus öffneten, der Triumph der Orthodoxie war nur von kurzer Dauer.
Der Konflikt hätte auch zu einem anderen Ergebnis als der Spaltung geführt, wenn Keith konzilianter und diplomatischer aufgetreten wäre. Keith jedoch war ein Hitzkopf und Streitgeist der besonderen Art. Gegenüber einem Komitee eines Quarterly Meetings, das zu seiner „Ermahnung“ einberufen wurde, meinte er, man fände „more damnable heresies and doctrines of devils among the Quakers than among any profession of Protestants“, was den elitären moralischen Führungsanspruch der Quäker, insbesondere in ihrer Hochburg Philadelphia, radikal in Frage stellte. Seine Gegner bezichtigte Keith der Lüge und der Häresie, sowohl in seinen scharfen Predigten als auch in seinen Schriften. Damit erweist sich Keith ganz als Vertreter der ersten Quäkergeneration, die Provokationen regelrecht herbeiführten in der festen Überzeugung, die Wahrheit müsse sich durch vehementes Eintreten für dieselbige durchsetzen. Die Schärfe von Keith führte nun bei den Quäkern Philadelphias zu gleichem Verhalten, die Kontroversen, Diffamierungen und taktischen Winkelzüge auf beiden Seiten schaukelten sich mehr und mehr hoch. Wurden ansonsten Querelen unter Quäkern intern geregelt, scheute man sich in Philadelphia nicht, die öffentlichen Gerichte anzurufen. Keith wurde schließlich von einem Teil der Quäker wegen ‚seditious libel“, aufrührerischer Verleumdung, angeklagt. Durch persönliche Beziehungen waren die Gerichte fest in Händen der Quäker. Gerade hier setzte die Kritik von Keith an, da er den Magistratsangehörigen, die häufig auch „Ministers“ (Prediger) bei den Quäkern waren, vorwarf, im politischen Bereich Delinquenten mit Gewalt festzusetzen, im religiösen Bereich jedoch das duldsame friedfertige Ertragen des Bösen zu vertreten. Das spektakuläre Gerichtsverfahren Quäker vs. Quäker hatte aber zur unerwarteten Folge, dass der Name Keith bald weit über Philadelphia hinaus bekannt wurde. – Vom Philadelphia Yearly Meeting wurde Keith schließlich, nicht wegen theologischer Irrlehren, sondern wegen unmoralischen Lebenswandels zur persona non grata erklärt und auf der Jahresversammlung zu Burlington 1692 ausgeschlossen. Bis heute ist das Verfahren um den Ausschluss strittig, da Keith zuvor nicht zum „Meeting for Discipline“ vorgelassen wurde, seinen Anhängern die Teilnahme an der Jahresversammlung untersagt wurde, Redebeiträge, die sich für Keith aussprachen, spektakulär unterdruckt wurden. Sein Ausschluss war letztlich eine abgemachte Sache weniger, aber einflussreicher Quäker, der Prozess ohne zugelassene Verteidigung erinnert mehr an ein Inquisitionsverfahren als an ein ernsthaftes Bemühen um Wahrheitsfindung. Eine zwielichtige Rolle spielte vor allem eine Deklaration gegen Keith von 28 Mitgliedern des Quarterly Meetings vom 20. Juni 1692. Diese Deklaration - eine Art quäkerische Exkommunikation - wurde von Eiferern in vielen Quäkerversammlungen verlesen, um die gewünschte Stimmung gegen Keith herbeizuführen. Daraufhin unterschrieben siebzig Mitglieder eine Gegendeklaration, die beinhaltete, dass Keith an der Trennung keine Schuld trage und die 28 Mitglieder ihre Vorwürfe zurückziehen sollten. Zuvor war über zwei Jahre intensiv über das verfahrenstechnische Prozedere gestritten worden, wobei die inhaltlichen Fragen mehr und mehr in den Hintergrund gerieten. Somit wurden, wie häufig in Kontroversen jeglicher Art, die eigentlichen und fundamentalen Streitpunkte unbearbeitet gelassen, anstatt sie in einer sachlichen und maßvollen Weise zu lösen. Am 25. Mai 1695 wurde Keith, der 1693 nach England zurückgekehrt war, auch vom London Yearly Meeting ausgeschlossen, nachdem aufgehetzte Quäker aus Amerika in der Londoner Versammlung ihre Vorwürfe vorgetragen hatten und die englischen Quäker aus Lethargie oder personeller Verbindungen wegen es unterlassen hatten, genaue Erkundungen über den Fall einzuholen. Da man sich auch hier nicht zu klaren theologischen Aussagen durchringen konnte, wurde in dem Ausschlusszeugnis ausdrücklich vermerkt, dass Keith nicht wegen seiner Religionsansichten, sondern wegen seines angeblich ungebührlichen Verhaltens und der aggressiven Weise seines Auftretens ausgeschlossen werde. In England gelang es Keith wie zuvor in Nordamerika, Anhänger um sich zu versammeln, wie etwa den Quäkerautor Thomas Crisp. Das „separate Meeting“ Londons traf sich in Turners’ Hall in der Philpot Lane. Noch 1696 beanspruchte Keith, mit dieser Gruppe das Quäkertum zu vertreten. Kurz darauf muss Keith sich innerlich, dann äußerlich, vom Quäkertum abgewendet haben: Zur Überraschung aller trat Keith, zusammen mit seiner Frau, 1700 wieder in die Church of England ein und wurde sogleich am 12. Mai 1700 vom Bischof von London zum Diakon geweiht. Er war der bislang erste und wohl auch einzige ehemalige Quäker, der diese Würden erlangt hatte. Zwei Jahre darauf zog er erneut nach Nordamerika, diesmal, um für die „Society for the Propagation of the Gospel“ zu werben. In Burlington legte er 1703 den Grundstein zum Bau der großzügig ausgestatteten St. Mary’s Episcopal Church, was er wenige Jahre vorher noch scharf abgelehnt hätte. Viele Quäker, sowohl seine ehemaligen Anhänger als auch Gegner, schlossen sich gerade in New Jersey dem Episkopalismus an. Keith reiste unermüdlich fast zwei Jahre von New Hampshire bis nach South Carolina und warb in Quäkerversammlungen für seine neue Glaubensgemeinschaft, sehr zum Verdruss der Quäker, die sich bereits an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in einer lähmenden Stagnationsphase befanden, die auch als Quietismus bezeichnet wird.
1704 kehrte Keith nach England zurück und verbrachte den Rest seines Lebens in Edburton (Sussex), wo er als Rektor einer angesehenen Schule vorstand. Er war auch Pastor der örtlichen Gemeinde, in der sein hartes Einfordern des Kirchenzehnten zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führte. Weiterhin beschäftigte ihn auch die Auseinandersetzung mit dem Quäkertum, die Vorwürfe und Beschuldigungen von beiden Seiten waren an Heftigkeit kaum zu überbieten. Er schreckte selbst nicht davor zurück, eine seiner eigenen Schriften, nämlich „A discourse on prayer and devotions, publick and private, shewing what we ought to pray for, and what not. With the fundamental truths of Christianity briefly hinted at” (1704) als ein Produkt seines Gegners Barclay auszugeben.
Die letzten drei Lebensjahre waren von Krankheiten überschattet, Keith wurde lahm und bedurfte vielfältiger Hilfen. Das halbe Jahr vor seinem Tode 1716 konnte er sein Bett nicht mehr verlassen. Dass er in dieser Lage seine „anti-Quaker principles“ widerrufen habe, wurde sowohl behauptet als auch bestritten.
Waren Keith und seine Anhänger um 1700 eine äußerst umstrittene Gruppierung, die wohl die meisten Streitschriften innerhalb des Quäkertums um eine einzelne Person provozierte, so ist die Auseinandersetzung von der heutigen Quäkerforschung bislang so gut wie nicht wahrgenommen worden. Über Keith wurde die damnatio memoriae verhängt. Bis heute fehlt es an wichtigen Detailstudien, allein die Biographie von Ethyn Williams Kirby aus dem Jahre 1942 brachte grundlegende Erkenntnisse.
Keith zählte, bis zu seinem Ausschluss, mit William Penn und Robert Barclay zu den gelehrten Quäkern der zweiten Generation, die die Erfahrungen der ersten Quäker in ein möglichst weites theoretisches Gerüst fassten. In Amerika war er zu seiner Zeit ein intellektuell herausragender Quäker. Wäre er 1690 verstorben, so würde er heute als Quäker-Klassiker einen hohen Rang einnehmen. Zeitlebens änderte Keith immer wieder seine Ansichten, er blieb flexibel und kann keiner bestimmten Richtung zugeordnet werden. Er vertrat - als Lehre der Quäker - frühzeitig nach seinem Zusammentreffen mit Ann Finch Conway (1631-1679) und dem Cambridger Platonisten Henry More (1614-1687) die Lehre von der Seelenwanderung. Zutreffend wurde hierzu bemerkt, dass Keith es damit gelang, die Legitimität des Quäkertums als eine christliche Lehre zu begründen, indem er auf die ursprünglich kabbalistische Doktrin der Seelenwanderung rekurrierte. Hier liegen aber auch Einflüsse vor, die sich nicht ohne Keiths Übersetzung von „Hai Ebn Yokdan (Hayy ibn Yaqzan)“ (1674) des arabischen Gelehrten Ibn Tufail (1105-1185) erklären lassen. Die Seelenwanderung war zuvor bereits von Mercurius van Helmont (1614-1699) in das Quäkertum gebracht worden. Beide kannten sich persönlich, Van Helmont hatte sich bereit erklärt, George Keith 1678 bei der Beantwortung mehrerer niederländischer Streitschriften behilflich zu sein. Auch in Amerika vertrat und verbreitete Keith seine christliche Seelenwanderungslehre. Neu war nun, dass er inzwischen die körperliche Auferstehung erwartete und vom nahen Eintreffen des apokalyptischen Endes überzeugt war.
Die wichtigste Schrift von Keith lautete „Immediate Revelation“. Die erste Auflage erschien 1668 in Aberdeen, eine überarbeitete zweite Auflage 1675 in London. Ähnlich wie More, mit dem Keith lebenslang befreundet war, vertrat er darin eine Christologie um die Lehre von der „immediate objective revelation“, die von Pietisten in Deutschland bereitwillig übernommen wurde. Zentrale Aussage des Buches war die These, dass die Seele von Christus sich buchstäblich durch die gesamte Schöpfung ziehe (siehe auch „The Way Cast Up“, um 1677). Christus, so Keith, sei der Mediator zwischen Gott und der Schöpfung, der Ursprung des erschaffenen Universums („radix est universae creaturae“) sowie die erste Emanation Gottes („emanatio prima dei“). Seine Verbindung mit der menschlichen Seele erkläre sich, gemäß der kabbalistischen Lehre, mit der Idee von Arkhim (eine Verknüpfung von Zeir Anpin und Arik Anpin). Würden nun die Juden anerkennen, daß Arik Anpin aus der Kabbala identisch mit dem äußeren Christus sei, dann wäre eine wichtige Voraussetzung ihrer Bekehrung gegeben. Dass nicht bereits solche Gedanken zum Ausschluss von Keith aus der Quäkergemeinschaft führten, sagt etwas aus über die Toleranz des frühen Quäkertums in seiner Findungsphase, sowie über seine außerchristlichen Strömungen um die Jahre 1660 bis etwa 1680.

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