Montag, 17. September 2012

Gerd Schirrmacher: Hertha Kraus

Gerd Schirrmacher: "Hertha Kraus - Zwischen den Welten". Biographie einer Sozialwissenschaftlerin und Quäkerin (1897-1968). Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2002. 667 S., br., 65,40 Euro.

Im Kölner Rathausturm steht das von Majka Wichner geschaffene Denkmal für die Sozialwissenschaftlerin und Quäkerin Hertha Kraus. Über diese außergewöhnliche Frau liegt nun eine Biographie vor, die durchaus als ein zweites Denkmal angesehen werden darf. In einem bürgerlichen jüdischen Elternhaus in Prag und Frankfurt am Main aufgewachsen, studierte Hertha Kraus noch während des Ersten Weltkrieges Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Nach ihrer Promotion beteiligte sie sich aktiv an der Quäkerspeisung in Berlin, später wurde sie Leiterin des Kölner Wohlfahrtsamtes. 1933 emigrierte sie nach New York. Sie erhielt eine Professur am renommierten Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh, Pennsylvania, wo sie Sozialwissenschaften lehrte. Gleichzeitig beriet sie das Innenministerium in Washington in Fragen des öffentlichen Wohnungsbaus.
Ein zentrales Problem jener Jahre - den Umfang staatlicher Hilfe in der amerikanischen Sozialpolitik - machte sie sich zur Hauptaufgabe, wobei sie die Effizienz der sozialen Dienste den amerikanischen Armutsignoranten darlegte und zur Stimme der Minderbemittelten in einer übersättigten und euphorischen Überflußgesellschaft wurde. 1936 folgte sie einem Ruf an das Bryn Mawr College (PA), an dem sie bis 1962 Sozialökonomie lehrte. Von hier aus baute sie Nachbarschaftsheime auf, beschäftigte sich mit den palästinensischen Flüchtlingslagern und beriet die Stadtplaner von Philadelphia im Wohnungsbau.

Parallel zu dieser biographischen Aufarbeitung zieht fast die ganze Quäkergeschichte im Zeitraffer am Leser vorbei: die Abspaltung von den bibelgläubigen Puritanern, die Visionen des George Fox, die Gründung des utopischen Quäkerfreistaates Pennsylvania, die deutsche Quäkersiedlung Friedensthal und die philanthropischen Aktivitäten des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. All diese Exkurse sind informativ und erhellend, führen aber teilweise weit weg von der eigentlichen Hauptperson. Die spannende Frage, ob die Quäker eine Sekte oder eine Glaubensgemeinschaft sind, müßte in einem viel größeren Rahmen behandelt werden. Der Ansicht Schirrmachers, der die Quäker den Glaubensgemeinschaften zuteilt, ist mit Skepsis zu begegnen, denn die sektiererischen Strömungen der amerikanischen Quäker, die in "Hicksites", "Orthodox" sowie kleinere Splittergrüppchen zerteilt waren, können gar nicht mit den Verhältnissen der deutschen Quäker verglichen werden, denen solche Schismata bislang erspart blieben.
Diese Zersplitterung war zu den Zeiten, als Hertha Kraus nach Amerika kam, eine der unter Quäkern heiß diskutierten Frage, der sich Kraus kaum entziehen konnte. Vielleicht aber doch, denn Mitglied bei den amerikanischen Quäkern wurde sie, trotz ihrer Amerikabegeisterung, erst 1940. Vorher war sie Mitglied der deutschen Jahresversammlung (nicht einer "Berliner" Jahresversammlung). In den stillen Andachten und im lebendigen Gemeindeleben, erst in Deutschland und später in Pennsylvania, fand sie den Halt und die Kraft, unermüdlich als öffentliche Person zu wirken.
Das Kapitel "Die private Hertha Kraus" bringt es hingegen nur auf wenige Seiten. Wir erfahren etwas über ihre eigentümliche Rast- und Ruhelosigkeit, die später mit einem autoritären Zug immer deutlicher zum Vorschein kam. In einer Zeit, die Mediation und Supervision nicht kannte, konnte allerdings ihre Unduldsamkeit und ihr Dirigismus noch als Führungsqualität betrachtet werden. Dies steht in merkwürdigem Kontrast zu der von ihr vertretenen Religionsform, die großen Wert auf Kooperation und gemeinschaftliche Entscheidungsfindung legt. Die wenigen Aussagen zum Privatleben lassen kaum ein profiliertes Charakterbild entstehen, und das sollte nicht allein dem Fehlen eines Tagebuches angelastet werden. Bestand und besteht doch die Chance, auf Interviews von noch lebenden Zeitzeugen zurückzugreifen. Die Arbeiten von Michael Luick Thrams zum Flüchtlingsheim Scattergood Hostel beispielsweise zeigen vorbildlich, wie der Quäkergeschichte und der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte anhand von narrativen Befragungen ganz neue Aspekte abgerungen werden können. Scattergood Hostel wurde übrigens von Hertha Kraus, Karoline Solmitz und vier weiteren Quäkerinnen mit aufgebaut. Hier wurden hauptsächlich Flüchtlinge mit akademischer Ausbildung zu "echten Amerikanern" gemacht - zumindest versuchten das die Frauen durch Sprachkurse und Einführungskurse in eine Lebensweise, die von den Amerikanern selbst gerade als amerikanisch entdeckt worden war.
An vielen Stellen zeigt sich der Gewinn der Detailgenauigkeit, die auf umfangreichen dreißigjährigen Archivstudien basiert: Dem Politologen Schirrmacher bleibt die politische Gemengelage der Umbruchszeiten nie lediglich Hintergrundfolie, sondern dank der vielfältigen Beziehungen der Hauptperson, etwa zu Konrad Adenauer, Walter Ulbricht oder zu Emil Fuchs, bietet sich der willkommene Anlaß, diese Kontakte im Kontext der deutsch-amerikanischen Beziehungen aus ungewohnter Perspektive des quäkerischen Netzwerkes heraus neu zu schildern. So beispielsweise anhand von Wilhelm Sollmann und Karoline Solmitz. Beide konnten durch Kraus in die Vereinigten Staaten emigrieren und waren Gäste in ihrem Haus in Bryn Mawr. Die geräumige Villa wurde zu einer Anlaufstelle für Flüchtlinge, die hier unermüdlich betreut wurden. Solmitz, die Ehefrau des im KZ Fuhlsbüttel zu Tode gekommenen Sozialdemokraten Fritz Solmitz, übersetzte zusammen mit anderen das Hauptwerk von Hertha Kraus: "Casework". Ein weiteres ihrer Werke wurde übrigens von einem jungen Studenten des Elizabethtown Colleges übersetzt: Hartmut von Hentig, einem der führenden deutschen Pädagogen.
Die Casework-Methode - individualisierende Einzelfallhilfe - die in ihrer psychoanalytischen Ausrichtung, mit ihrem Schwerpunkt auf Mobilität und der Suche nach dem "großen Lebensglück" auf eine Wohlstandgesellschaft zugeschnitten war, mußte jedoch in der entstehenden Bundesrepublik vielfache Modifizierungen durchlaufen. Es bot sich für Hertha Kraus die einmalige Chance, eine ganze Forschungsrichtung in Europa bekanntzumachen und Optimismus zu verbreiten: "Casework bejaht den Menschen - wie er eben ist, mit all seinen Grenzen, so wie wir von ihm erwarten, daß er lernt, ohne Vorurteil und Rückhalt andere Menschen ganz zu bejahen." Ähnliche Ansätze, die in der amerikanischen "Alternatives to Violence"-Arbeit genauso wiederentdeckt werden können wie in der aktuellen psychologischen Resilienzforschung, haben sich in Deutschland nie wirklich ansiedeln können. Dabei war Casework nicht das primäre Anliegen Kraus', der vielmehr an Organisation, Koordination und systematischer Vernetzung sozialer Tätigkeit gelegen war. Dem Autor zufolge war dies ein eher deutsches Verständnis von sozialer Hilfe, mit dem Kraus nicht nur einmal in den Staaten aneckte.
Schirrmacher, der unter anderem Geschichte der Sozialarbeit an der Fachhochschule Fulda lehrt, gelang es bereits mit einer Arbeit über das Sozialwesen und die Sozialarbeit in der Türkei wichtige Impulse in diesen Bereichen zu geben, die über den Tag hinaus Geltung beanspruchen durften. Mit der vorliegenden Biographie dürfte das gleiche in der Sozial- wie in der Quäkergeschichtsschreibung gelungen sein.

CLAUS BERNET, 2003, Erstveröffentlichung FAZ

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