Mittwoch, 18. Juli 2012

Lutz Caspers: 75 Jahre Quäkerhaus in Bad Pyrmont

Mehr durch Zufall habe ich im Hinterraum der Planckstraße eine wohl neu erschienene Schrift „Lutz Caspers: 75 Jahre Quäkerhaus in Bad Pyrmont“ entdeckt, zu der ich einige Anregungen geben möchte. Vielleicht wird man einmal einen weiteren Satz drucken, und dann könnten einige der Fehler und Ungenauigkeiten korrigiert bzw. der Inhalt verbessert werden.
Zunächst ist der Titel irreführend: Es geht nicht um die letzten 75 Jahre, sondern, was ja auch Sinn macht, ebenso um die Baugeschichte um das Jahr 1800. Also eigentlich: „208 Jahre Quäkerhaus“ – das Problem: ein „runder Geburtstag“ kommt so nicht zustande.

Der Text erweckt den Eindruck, er sei neu verfasst worden, ist es aber keineswegs. Nach längerem (mühseligem) Suchen konnte ich herausfinden, dass er vermutlich erstmals 2008 in der Zeitschrift „Quäker“ erschienen war (S. 159-169). Als Sonderdruck ist das Heft aber nicht gekennzeichnet.

Dann fällt auf, dass die bibliographischen Angaben unvollständig sind, ein Impressum sucht man vergebens, eine ISBN scheint nicht vorhanden zu sein, und wann und wo das Heftchen nun erschienen ist, bleibt sein Geheimnis.

Kommen wir zu einigen inhaltlichen Punkten. Gleich zu Anfang bezeichnet Lutz Caspers die Schrift „Ursprung, Fortgang und Verfassung der Quäkergemeinde“ von 1805 als „Büchlein“. Warum das? Das „Büchlein“ bringt es auf immerhin 156 Seiten, das Heft (oder Heftchen) von Lutz Caspers gerade einmal auf 12.
grummel grummel... so viele Fehler....grummel grummel....

-Seite 2: es waren nicht die englischen Quäker, die den Bauplatz in Pyrmont vorschlugen, (anstatt in der Quäkerkolonie Friedensthal), sondern es war der Landesfürst, der (mehr oder weniger willkürlich) den Bauplatz anordnete (Quelle: LSF, MS 127, Pyrmont, Nr. 40: Ludwig Seebohm an George Stacey, 15.9.1799). Es ist richtig, wie Caspers schreibt, dass zur Eröffnung wohl 1.000 Besucher anwesend waren, aber nicht bei einer einzigen Andacht, sondern doch zu mehreren Andachten, die am Eröffnungstag vor- und nachmittags sowie abends gehalten wurden.

-Seite 3: es ist falsch, dass das Quäkerhaus an Friedrich Völker verkauft wurde. Zunächst heißt diese Person „Fritz“, und nicht „Friedrich“. Käufer war vielmehr seine Frau, Antonie Völkers (mit „s“!), aus Hannover, die Haus und Grundstück für 7.500 Mark erwarb (Quelle: LSF, Meetings for Sufferings, Band LI, 1892-1896, S. 220).

-Seite 4: Es stimmt nicht, dass Emma Raeydt die „letzte Überlebende“ der Friedensthaler Freunde gewesen sei, denn das war definitiv Wilhelm Rasche (d.J.). Er hat seine Mitgliedschaft 1902 an die englische Jahresversammlung übertragen lassen und trat erst 1949 in die Deutsche Jahresversammlung ein. Als letzter der Mindener Quäker ist er für die Geschichte der 1925 gegründeten Deutschen Jahresversammlung ein wichtiges, weil einziges Verbindungsglied zur Quäkertradition des 19. Jahrhunderts. Ich könnte noch viel über den faszinierenden Lebensweg dieser Person schreiben.

-Seite 5: es ist kein Geheimnis, dass es sich bei dem Verfasser „H. L.“ um Horst Legatis handelt und man sollte dies auch angeben, um die Leistung anderer Autoren auch zu würdigen.

-Seite 7: Lutz Caspers erwähnt, der Bau sei 1933/34 von deutscher Seite mit nur 2.500 Reichsmark finanziert worden (den Rest trugen wieder einmal die ausländischen Quäker). 1932 bis 1934 sollen die Einnahmen schon 46.330 RM betragen haben – ich kann mir dies nicht vorstellen, selbst wenn man die Inflation herausrechnet. Welche Einnahmen sollen beispielsweise 1932 geflossen sein, als das Haus noch gar nicht stand? Als Einnahmen käme höchstens Miete/Pacht in Frage, aber mir ist nicht bekannt, dass das Quäkerhaus schon 1933/34 vermietet wurde, und dabei noch einen so sagenhaften Mietzins erzielte.

-Seite 7: Leonhard und Mary Friedrich zogen zwar in der Tat 1933 nach Pyrmont, allerdings aus privaten Gründen, und keinesfalls, um durch eine Art Hausbesetzung das Quäkerhaus vor der Nutzung durch die Hitlerjugend zu schützen – diese hätte sich von zwei älteren Quäkern kaum abhalten lassen, und später kam es ja auch, wie Lutz Caspers richtig schreibt, zur Nutzung durch die Hitlerjugend.

-Seite 7: „Ein längerer Artikel im QUÄKER von Anfang 1934 zeigt vier Abbildungen, die auch als Postkarten erhältlich gewesen sein sollen“: „gewesen sein sollen“ ist überflüssig – sie waren es; ich habe selbst solche Postkarten in meinem Archiv.

-Seite 8: interessant finde ich die Deutung des „angelassenen Lichtes“ im Quäkerhaus: die Gestapo hatte (wieder einmal) das Quäkerhaus durchsucht, und dabei das Licht absichtlich angelassen, um den damaligen Bewohnern einen Verstoß gegen das Verdunkelungsgesetz vorzuwerfen. Keinesfalls war es so, wie Lutz Caspers schreibt, dass die Gestapo lediglich aus Nachlässigkeit das Licht abzuschalten vergessen hätte. Ich kann verstehen, dass man die Gestapo heute als „dusselig“ darstellen möchte, doch leider war sie das allzuoft nicht gewesen.

-Seite 9: Lutz Caspers gibt an, dass das Quäkerhaus schon 1944 unter Denkmalschutz gestanden hätte. Womit ist das belegt? Selbst in den 1980er Jahren stand das Quäkerhaus noch nicht unter Denkmalschutz.

Viele interessante Punkte fehlen in der Schrift: etwa, das bei dem Bau ausländische Spendengelder unterschlagen wurden, was dann zu jahrelangen Auseinandersetzungen führte, bis Stephen Grellet die zerstrittenen Quäker wieder vereinen konnte. Auch sind der Besuch Goethes oder der Königin Luise mit keinem Wort erwähnt, offensichtlich unwichtig. Die Ausführungen zur NS-Zeit sind zwar durchaus interessant, aber etwas zu weitschweifig – die Jahre nach 1945 sind auf der letzten Seite in wenigen Worten zusammengefasst. Hat sich seit 1945 nichts mehr getan im Bad Pyrmonter Quäkerhaus?

An diesem Punkt können die Meisten mit dem Lesen aufhören – die folgenden Punkte sind nur noch für Buchbegeisterte oder Fußnotenfetischisten interessant. Was mich am meisten beim Lesen gestört hat, ist der überflüssige Gebrauch des Konjunktivs: „solle“, „habe“ etc.  Dadurch entsteht (bewusst oder unbewusst?) der Eindruck, als ob die eigenen Quellen, die Caspers heranzieht, nicht seriös oder zuverlässig seien. Ebenso gewöhnungsbedürftig ist der ständige Tempuswechsel zwischen Präsens und Imperfekt – da hätte man sich besser für eine einheitliche Zeitform entscheiden sollen.
Bei manchen Zitaten (etwa S. 11 „die unbenutzten ... Bibliothek zu überlassen“) wurde die Belegstelle vergessen, an anderen Stellen wird immer wieder ein „Archiv“ genannt, ohne dass an einer Stelle einmal dem Leser verraten würde, um welches Archiv es sich handelt. Ist es der Bestand im Evangelischen Zentralarchiv, die Friends House Library oder das Privatarchiv von Lutz Caspers? Ich bin daraus leider nicht schlau geworden.
Der ganze Anmerkungsapparat müsste dringend überarbeitet werden – so gehört hinter jeder Anmerkung ein Punkt. Viele Angaben sind einfach nicht nachvollziehbar, ein Beispiel: Anmerkung 23: „Dok MS (vgl. Archiv) Kostenanschlag 22. April 1940“ – wo findet man denn dieses „Dok MS“, und mit welchem Archiv kann man den „Kostenschlag“ (korrekt müsste es „Kostenvoranschlag“ heißen) denn vergleichen?

Zuletzt noch ein wichtiger Hinweis: Fremde Abbildungen müssen mit Abbildungsnachweisen versehen werden. Auch Quäker sind davon nicht ausgenommen. In dem Heft sind mehrere Abbildungen, von denen Lutz Caspers definitiv nicht der Rechteinhaber ist (so gehört die Abb. auf S. 3 dem Museum Bad Pyrmont, die auf S. 11 müsste, wie viele andere, der DJV gehören), aber erwähnt ist es mit keinem Wort. Der „Fotohinweis“ auf Seite 12 gibt lediglich den Inhalt des Bildes wieder, aber nicht den Urheber. Wie man es richtig macht, ist hier nachzulesen: Bildrechte.

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