Mittwoch, 9. Mai 2012

Quäkerin der Woche: Marie Luise Pleißner (19)


Marie Luise Pleißner, geboren am 17. Mai 1891 in Chemnitz, wuchs in einem liberalen Elternhaus auf und begann frühzeitig, sich für theologische Fragen zu interessieren. Sechzehnjährig trat die Tochter eines Lehrerehepaares in das königlich-sächsische Lehrerinnen-Seminar zu Lichtenstein-Callnberg ein. Dort kamen ihr erste Zweifel an der Richtigkeit des Luthertums, was letztlich zur Verweigerung der Teilnahme am Abendmahl führte.
Seit 1915 stand sie in Chemnitz im Schuldienst, zunächst für Sport und Gymnastik, später auch für den Religionsunterricht. Nach anfänglicher Kriegsbegeisterung 1914 entwickelte Pleißner über die Kriegsjahre hinweg eine pazifistische Haltung. Sie war vor allem in der „Nie-wieder-Krieg-Bewegung“ aktiv und setzte sich für die Emanzipation der Frauen ein. 1918 wurde sie Mitglied in der Deutschen Demokratischen Partei (später Deutsche Staatspartei), gehörte dem Vorstand des Chemnitzer Lehrervereins ebenso an wie der Weltjugendliga, war Mitglied im Lehrerrat und Elternbeirat ihrer Volksschule, in der Deutschen Friedensgesellschaft und in der Liga für Menschenrechte. In Chemnitz gründete sie eine Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins/Deutscher Staatsbürgerinnenverband und im Juni 1932 eine Ortsgruppe des Weltfriedensbundes der Mütter und Erzieherinnen. So waren die Jahre der Weimarer Republik ausgefüllt mit politischer Arbeit und Agitation. Ein Briefkontakt in Verbindung mit der Weltjugendliga machte sie mit der englischen Quäkerin Agatha Harrison (1885-1954) bekannt, die ihr erste Schriften über das Quäkertum zuschickte. Als das englische Quäkerhilfswerk nach dem Ersten Weltkrieg in Chemnitz aufgebaut wurde, arbeitete sie von Anfang an mit. Über den Internationalen Versöhnungsbund hatte sie auch den Pfarrer Wilhelm Mensching (1887-1964) kennen gelernt, der ebenfalls enge Beziehungen zu den Quäkern pflegte. Mit diesem stand sie über Jahrzehnte in enger Freundschaft verbunden, wie auch mit Willy Müller (1899-1986), dem Bezirksschreiber der Quäker in Sachsen.
1934 wurde Pleißner aus dem Schuldienst entlassen und musste die Chemnitzer Höhere Mädchenbildungsanstalt, in der sie seit Oktober 1929 arbeitete, verlassen. Da sie zeitlebens unverheiratet blieb und gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Amalie-Ilse Pleißner (geb.1897) zusammenlebte, stellte sich die Frage nach einer beruflichen Neuorientierung. Sie nahm verschiedene Gelegenheitsarbeiten an, pflegte Kranke, führte Haushalte, gab Privatunterricht, auch an jüdische Kinder, denen der öffentliche Schulbesuch untersagt war. Zu ihrem Bruder Rudolf hatte sie ein weniger gutes Verhältnis, da dieser ihre teilweise missionarisch vertretenen Politikansichten nicht teilen wollte. 1939 trat sie der „Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker)“ in Deutschland bei. Kurz zuvor hatte sie erfolglos versucht, persönlich den Schreiber der Quäker, Hans Albrecht (1876-1956), in Berlin zu einer klaren öffentlichen Stellungnahme der deutschen Quäker zugunsten der Juden zu bewegen. Noch im gleichen Jahr fuhr Pleißner nach England, um nach geeigneten Personen für die Mitarbeit an einem Hilfsnetzwerk für jüdische Bürger zu suchen. So konnte sie mindestens einer Frau und einigen Kindern das Leben noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges retten. Aufgrund einer Denunziation eines von Pleißner in Englisch unterrichteten Mädchens in den Wanderer-Ingenieurswerken wurde sie im September 1939 verhaftet. Nach Aufenthalten in verschiedenen Gefängnissen wurde sie für acht Monate in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Dort erlebte sie den berüchtigten Strafblock und erlitt einen körperlichen Zusammenbruch. Über ihre dortigen schlimmen Erfahrungen hat sie auch im Kreise engster Freunde nur selten gesprochen. Dank der Bemühungen ihres Vaters wurde Marie Pleißner am 20. April 1940 aus der Haft entlassen. Im März 1945 wurde die Wohnung der Familie Pleißner vollständig zerstört, ihr Vater kam dabei ums Leben.
Im März des Jahres 1947 beteiligte sich Pleißner an der Gründung des „Demokratischen Frauenbundes Deutschland“ und gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern der „Liberaldemokratischen Partei Deutschlands“ (LPD/LDPD). Im Herbst des gleichen Jahres wurde sie zur Stadtverordneten, später zur sächsischen Landtagsabgeordneten der LPD gewählt und war über viele Jahre hinweg mit dem liberalen Politiker und Journalisten Fritz R. Greuner (1903-1990) befreundet. Sie holte nun ihr Abitur nach und arbeitete wieder im Schuldienst der Chemnitzer Friedrich-Engels-Oberschule. Auch widmete sie sich der Ausbildung von Neulehrern, die ideologisch geschult wurden. 1953 trat sie in den Ruhestand und verbrachte die späteren Lebensjahre mit humanitären, politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten. So arbeitete sie im Friedensrat der DDR mit und nahm an der Christlichen Friedenskonferenz teil. Für ihre politische Arbeit erhielt sie staatlicherseits die Auszeichnung „Stern der Völkerfreundschaft“. Im Dezember 1956 entschloss sie sich, aus der evangelischen Kirche auszutreten. Sie verstarb am 21. Dezember 1983 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und wurde nach wenigen Tagen dort in der Friedhofskapelle von St. Nicolai bestattet.
Marie Pleißner war eine starke Persönlichkeit, die ihr Leben in den Dienst anderer stellte und auch finanziell Bedürftigen ihres privaten Umkreises Hilfe zukommen ließ. Sie war nicht frei von Herbheit und besaß eine ernste Direktheit, die nicht jedem zusagte. Der Deutschen Jahresversammlung, der Dachorganisation der deutschen Quäker, diente sie in verschiedenen Ämtern, besonders die politische Friedensarbeit war ihr ein Anliegen. In späteren Jahren kam es wegen ihres unkritischen Eintretens für die DDR auf Quäkertreffen in der BRD zu internen Konflikten. Enge Beziehungen pflegte sie zeitlebens zum Internationalen Versöhnungsbund, da sie die Versöhnung zwischen den Völkern als zentrale Aufgabe betrachtete.

Werke: Bericht des Arbeitskreises 31: Die Erziehung zur gesellschaftlichen Verantwortung des einzelnen als Beitrag zum Frieden. In: Der Quäker. Monatshefte der deutschen Freunde, XXVII, 10, 1953, 152-153; An die Regierungen, Parlamente und Kirchenführer Gesamtdeutschlands. In: Der Quäker. Monatshefte der deutschen Freunde, XXVIII, 6, 1954, 89-91; Lachmund, Margarethe; Pleißner, Marie; Schwersensky, Gerhard: Gegen alle Atombewaffnung im deutschen Raum. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, XXXII, 3, 1958, 35-36; Pleißner, Marie; Müller, Brunhild: Neuformulierung oder Erweiterung unseres Friedenszeugnisses? In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, XXXIX, 6, 1965, 142-145; William Penn. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, XLII, 8/9, 1968, 178-183; Inge Müller. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, LVI, 1/2, 1968, 26-27; Mein Weg in die Religiöse Gesellschaft der Freunde. O.O. 1968 (Manuskript); Vom Werden der Deutschen Jahresversammlung. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, XLIX, 7, 1975, 176-184; Vom Werden der Deutschen Jahresversammlung. In: Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker) in Deutschland (Hrsg.): 50 Jahre Deutsche Jahres-Versammlung. München 1975, 176-184; Thoms-Heinrich, Lieselotte: Marie Pleißner. In: Erfüllte Ideale in einem erfüllten Leben. In: Jacobeit, Sigrid; Thoms-Heinrich, Lieselotte (Hrsg.): Kreuzweg Ravensbrück. Lebensbilder antifaschistischer Widerstandskämpferinnen. Köln 1987, 138-146. Leipzig 19892.

Lit. (Auswahl): Müller, Brunhild: Marie Pleißner. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, LVIII, 3, 1984, 52-53; – Heinrich Carstens: Marie Pleißner. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, LVIII, 3, 1984, 53; – Feurich, Anneliese: Mit der ganzen Existenz. In memoriam Marie Pleißner. In: Standpunkt. Evangelische Monatsschrift, 5, 1984, 132; – Feurich, Anneliese: „Auf eigene Verantwortung“: Marie Pleissner 1891-1981. In: Juden und Christen. Kinder eines Vaters. Beiträge zur Pogromnacht 9./10. November 1938. Dresden 1988, 46-50; – Boenecke, Ilse (Bearb.): Marie Pleissner. In: Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker). Deutsche Jahresversammlung e. V. (Hrsg.): Lebensbilder deutscher Quäker während der NS-Herrschaft 1933-1945. Sammlung von Schicksalen aus der Erinnerung, aus Briefen, Zeitungsartikeln und anderen Dokumenten. Bad Pyrmont 1992, 79-82 (Quäkerhaltung im 20. Jahrhundert, I); – Marie Luise Pleißner 1891-1983. In: Ludwig, Hartmut: Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Nationalsozialismus. Häftlinge im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück von 1939-1945. Begleitbroschüre zur Ausstellung. Vernissage am 18. Oktober 1998. Finissage am 20. Oktober 1999 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Berlin 1998, 41-43. Berlin 19992.

(Erstveröffentlichung BBKL, Bd. 27, 2007, Sp. 1070-1074)