Mittwoch, 11. Januar 2012

"Frieden entdecken in Wien": Neues Buch von Susanne Jalka

Wien ist nicht nur eine Wohlfühlstadt für Romantiker oder Nostalgiker, sondern Wien ist auch eine Stadt des Friedens. Das ist natürlich jede Stadt und jedes Dorf, aber selten wird einmal zusammengetragen, was einen Ort zum Friedensort macht. S. Jalka, Pädagogin aus Wien und vielen Quäkern als langjährige Schreiberin der DJV bekannt, hat sich mit diesem Aspekt beschäftigt. Herausgekommen ist das Buch „Frieden entdecken in Wien“ (212 S., 2011, Verlag Pro Business GmbH Berlin, 20,-€ incl. MWS).
Die Quäker kommen in so einem Buch natürlich an prominenter Stelle vor, und überhaupt atmet das ganze Buch, was bei dem Thema nicht verwundert, Quäkergeist. Besonders aufgefallen sind mir die Überlegungen zur Friedenswissenschaft und zu Bertha von Suttner, mit der sich Jalka schon Jahre zuvor beschäftigt hat – sozusagen schreibt hier eine Suttner-Expertin.
Doch zurück zu den Wiener Quäkern.
Lange Zeit hatten sie eigene Büros, erst in der Singerstraße, später in der Jaurèsgasse. Betont wird zu Recht das Gebot der Einfachheit (eigentlich „Zeugnis der Einfachheit“, aber das wird vielen heutigen Lesern kaum vertraut sein). Interessant ist, dass hier von „Religiöse Gesellschaft der Freunde der Wahrheit“ gesprochen wird – eine Bezeichnung, die ich ansonsten nur aus dem 17. Jahrhundert kenne.

Der Koala – an und für sich ein ganz friedliches Wesen – ist auch von dem Friedensbuch positiv angetan.

„Frieden entdecken in Wien“ ist graphisch ansprechend gestaltet – hübsche Zeichnungen und Bilder findet man auf fast jeder Seite. Auch sprachlich-stilistisch ist es hervorragend geschrieben – ich habe mich immer wieder bei Sachen festgelesen, die mich eigentlich gar nicht interessierten, dann aber irgendwie doch...
Inhaltlich wird es Friedensfachleuten vermutlich wenig Neues bieten – so gut wie alle Informationen sind an anderer Stelle, etwa in der Wikipedia oder in spezieller Fachliteratur, weitaus ausführlicher nachzulesen. Also, für wen könnte das Buch sein? Ich denke da vor allem an die vielen Wien-Touristen, denn mit diesem Buch kann man die Stadt auf ganz andere Art entdecken. Ebensogut könnte es in Schulklassen verteilt werden, um die nachfolgende Generation mit diesem Aspekt der Wien-Geschichte vertraut bzw. vertrauter zu machen.

Das Buch hat auch eine eigene Seite im Internet: www.frieden-entdecken-in-wien.info

Dort steht geschrieben: „Dieses Buch war schon lange fällig“ – ja, das ist wohl wahr, und vielleicht ist das Buch auch eine Anregung für ein Berlin-Friedensbuch? Es gäbe viele Orte und Geschehnisse, die mir spontan einfielen...

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So, hier ist mein Buchhinweis eigentlich zu Ende, aber es gibt noch ein Schmankerl für alle Freunde der Wiener Freunde:

Eine echte Rarität ist dieses Heft:

Ich bekam es im letzten Jahrhundert von dem Wiener Verleger Ernst Schwarz, der sich später Schwarcz nannte, geschenkt. Obwohl ich von Philadelphia bis London zahlreiche Archive und Bibliotheken durchforstet habe, konnte ich leider kein einziges weiteres Heft dieses „Wiener Quäkers“ finden. Mündlich wurde mir berichtet, es hätte noch eine ganze Reihe davon gegeben. Dieses Heft muss um 1950 entstanden sein, zu einer Zeit, als alles Deutsche in Österreich abgelehnt wurde, um so von der eigenen Schuld abzulenken. So liest man ausschließlich von „Österreichischen Freunden“, und an keiner Stelle ist zu erkennen, dass man sich (1936!) mit den deutschen Quäkern freiwillig vereinigt hat. Damals ging bei den Ösi-Quäkern noch die Post ab, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf: fast jeden Tag gab es im Quäker-Haus Aktivitäten: Bibelkreise, Studienkreise, eine Jugendgruppe, jeden Dienstag einen Quäkervortrag, eine englische Sprachgruppe, eine Volksbildungsgruppe, einen Sozialausschuss, regelmäßige Treffen der Frauen-Liga (gestaltet vom Bertha Suttner-Verein), eine Friedensarbeitsgemeinschaft, eine freie Diskussionsgruppe, eine Kindergruppe und Treffen des Flüchtlingskinder-Klubs – und das alles WÖCHENTLICH! Dann gab es noch alle zwei Wochen einen offenen Musikabend, und einmal im Monat ein eigenes Treffen der „Freunde der Freunde“. Wie haben sich die Zeiten geändert, wenn man daran denkt, dass die Wiener Quäkerversammlung eingegangen ist und in der Berliner Planckstraße von Montag bis Samstag keine einzige Quäker-Aktivität regelmäßig stattfindet.