Sonntag, 29. Januar 2012

Emil Fuchs: Matthäus-Exegese (1935)

Schon seit Jahren beschäftigt mich die Exegese, die der Theologe, evangelische Pfarrer und Quäker Emil Fuchs während des Dritten Reiches privat verfasst hat. Die Struktur der Manuskripte ist immer die gleiche: erst kommt ein Bibelzitat, dann die Auslegung von Emil Fuchs, und schließlich einige passende Zitate aus dem Tagebuch von George Fox.
Ich gebe hier einmal die bekannte Passage zu Kapitel 22, Vers 15-22 zur Steuerfrage wieder:

Da gingen die Pharisäer hin und hielten einen Rat, wie sie ihn durch seine Worte fangen möchten. Sie senden ihm ihre Jünger mit Anhängern des Herodes, die sagten: Meister! Wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst in Wahrhaftigkeit den Weg Gottes. Du nimmst auch nicht Rücksicht auf irgendjemand und siehst die Person nicht an. So sage uns nun, was dünkt dich: Ist es recht, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht?
Jesus erkannte ihre böse Absicht. So sprach er: Was versucht ihr mich, ihr Heuchler? Zeigt mir die Münze, damit ihr die Steuern zahlt. Sie aber brachten ihm einen Dinar. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist auf ihm? Sie sagten: Des Kaisers! Sagt er ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes! Als sie dies hörten, verwunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen weg.

Es war nicht nur Klugheit und Bosheit, dass man Jesu diese Frage stellte. Das Gefährliche an der Frage ist eben dies, dass sie die notwendigste Frage war an den, der Messias sein wollte oder sollte. Das war ja der Punkt, um den sich im Bewusstsein der national-jüdischen Kreise alles drehte. Ist dieser Prophet entschlossen, den Freiheitskampf gegen den römischen Kaiser zu beginnen, dann wollen wir ihn als Messias anerkennen. Will er das nicht, so sagte er damit selbst, dass er der Christus nicht ist.
Dass man die Frage so offen stellte, war allerdings eine Falle. Man war ja in Jerusalem völlig in der Hand der römischen Legionen. Wer diese Frage mit einem „nein“ beantwortete, musste von ihnen verhaftet werden und als Aufrührer gerichtet. Es sei denn, die Volksmassen schützten ihn – was aber konnten die unbewaffneten Volksmassen ausrichten gegen Roms Legionen? Oder er war dessen sicher, dass göttliche Macht ihn schütze und ihn zum Siege führe. Damit erkennen wir die ganze Bedeutung der Frage: Bist du dir des göttlichen Beistandes so sicher, dass du hier, umringt von Roms Legionen zu sagen wagst, was ein Messias sagen muss? Sie erwarteten also entweder eine Antwort, so kühn und so durch den sichtbar eintretenden Schutz Gottes bestätigt, dass sie an seinem göttlichen Auftrag nicht mehr zu zweifeln brauchten. Oder er gibt diese kühne Antwort nicht – dann weiß jeder, auch jeder in diesen begeisterten Volksmassen, dass er diesen göttlichen Schutz nicht erwartet, also sich nicht zutraut, der Messias zu sein.
Wir wissen, dass selbst für die Jünger Jesu die Frage noch nicht stand. So wenig war es möglich, der Messiaserwartung des jüdischen Volkes jenen tiefen, wahren Sinn zu geben, den ihr Jesus geben musste. Das war die Schwierigkeit, vor der er stand, zu zeigen, dass die Frage falsch gestellt war, dass es sich gar nicht darum handelte, ob man den Freiheitskampf gegen Rom beginnen solle oder nicht, sondern um etwas ganz, ganz Anderes. Wie schwierig es war, dies Andere klar zu machen, zeigt uns die Tatsache, dass die heutige Christenheit den Sinn seiner Antwort immer noch nicht begriffen hat. Immer wieder wird das Wort benutzt, um ein Verhältnis von Religion und Staat, Staat und Kirche zu rechtfertigen, durch das es in sein Gegenteil verkehrt wird. Machen wir uns erst ganz gewissenhaft klar, was Jesus meinte: Er lässt sich die Münze zeigen, mit der man die Steuer zahlte, also einen römischen Dinar, eine Silbermünze im Werte von etwa einer Mark. Sie war geprägt mit dem Bilde des Kaisers. Das war damals Tiberius. Das darf man nie vergessen, dass es das Bild des grausamen, fremden Kaisers war, des Unterdrückers. Hältst du es wirklich für recht, dass wir – Gottes Volk – diesem fremden Unterdrücker Steuern zahlen?
Das ist zuerst einmal sehr zu beachten: Es handelt sich hier nicht um die Stellung Jesu zum eigenen Staat seines Volkes, sondern zur Fremdherrschaft, die über seinem Volke lastete. Dieser Fremdherrschaft gegenüber sagte er: Gebt die Steuer! Das Wort erhält eine erschreckende Schärfe, wenn wir das beachten. Lasst uns nicht zu rasch mit ihm fertig werden! Erkennt nun Jesus damit die Fremdherrschaft an? Oder sind ihm diese politischen Verhältnisse so gleichgültig, dass er den Seinen sagt: Kümmert euch nicht darum, ob euer Volk unter Fremdherrschaft steht oder nicht? Es ist für die Frömmigkeit völlig einerlei, ob ihr im Irdischen dem fremden Kaiser untertan seid oder nicht. Euch soll nur das Jenseitige kümmern – meint er das?
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“. – Was ist des Kaisers? Manchmal wird das Wort so ausgelegt, als sei selbstverständlich alles des Kaisers, was dieser fordert. Dann wäre Gottes das, was der Kaiser gnädig übrig lässt.
Hier in Jesu Wort aber ist des Kaisers die Münze, damit man Steuern zahlt. Sie trägt sein Bild und seine Aufschrift. Das Geld – das tote Stück Silber – das ist des Kaisers! Das könnt ihr getrost dem Kaiser geben! Dieses tote Geldstück braucht ihr nicht wichtig zu nehmen – sobald ihr Gott gebt, was Gottes ist. Was aber ist Gottes?
Kann es irgendetwas vom Gewissen, von Geist und Seele, Freiheit und Wahrheit des Menschen, eines Volkes, der Menschheit geben, das nicht Gottes wäre? Kann von dem allem irgendetwas Gott entzogen werden? Ist das richtig, dann ist das Wort klar. Es atmet eine eisige Verachtung des Geldes, des Mammon. Ihr meint, dass das Schicksal eueres Volkes irgendwie davon abhängt, wem ihr dies tote Stück Silber gebt! Es hängt ganz und gar nur davon ab, wem ihr euer Gewissen gebt! Gebt Gott, was Gottes ist und alles Andere wird sich so regeln, wie es Gottes Willen entspricht. Ihr werdet die rechten Wege dazu finden. Nie aber findet ihr die rechten Wege zur Regelung eures Schicksals, wenn ihr sie vom Mammon aus sucht, statt vom Gewissen.
So gesehen scheidet das Wort nicht die Welt des Staates und die der Kirche, nicht Religion und Politik. Es scheidet vielmehr zwei Gesinnungen voneinander. Jede dieser Gesinnung beherrscht das ganze Sein und Leben des Menschen und der Gesellschaft, wo sie ist. Die eine Gesinnung sieht das Heil des Menschen, der Völker, der Staaten, abhängig von ihrem Besitz, von der Macht über Geld und materielle Dinge, vom Toten und der Macht des Toten. Politik wird für sie ein Kampf um diese Dinge. Kirche, Religion sind ein neben diesen entscheidenden Dingen stehende Vergeistigung und Verschönerung des Daseins, der man so viel Raum gönnen darf, als ohne Gefährdung jener lebenswichtigen materiellen „Werte“ möglich ist. Sie sind das Entscheidende und der Kaiser, der materielle Interesse der Macht bestimmt, was davon frei gelassen wird.
Der anderen Gesinnung sind die entscheidenden, weltgestaltenden Mächte eben das Gewissen, die geistigen Bewegungen, Freiheit und Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Treue und Gerechtigkeit. Sie meint, dass von der Stärke dieser Mächte in den Gewissen der Menschen und Völker deren Schicksal, Freiheit, Zukunft, Lebenskraft und Kultur abhängt. Sie meint, dass nirgends brutale Gewalt, nirgends fremde Herrschaft das Wesenhafte und Zukunft schaffende töten, einem Menschen oder einem Volke nehmen kann, wo diese Dinge stark sind, wo das Gewissen in Ordnung ist – Gott gehört, was Gottes ist. Sie meint, dass diese Mächte als ein Stück von Gottes Schöpfergewalt alles wahre Schaffen und Gestalten der Menschheit trägt. Wo sie nicht sind, müssen alle Gestaltungen und Bildungen zerfallen und untergehen, mag man auch mit äußerer Macht versuchen, sie zu halten.
Noch immer sind die Völker, die sich zu Herren der anderen machten, geistig an ihrer Macht zugrunde gegangen. Gar oft ist geistige Mächtigkeit, die man mit äußerer Macht tributpflichtig machte und niederzwingen wollte, aufgestiegen und hat jene andere überwunden.
So nun meint Jesus dies Wort: Gebt dieser äußeren Macht, was sie an äußerem Gut und Geld fordert. Haltet euch aber in Verbindung mit dem Gott, dessen lebendig schöpferische Macht jene andere Welt überwachsen und vernichten wird. Nicht durch Kampf um das Äußerliche überwindet man jene Welt, sondern dadurch, dass man anders ist als sie, stärker ist als sie, aus den Kräften der göttlichen Welt einfach lebt und seine Welt neben jene andere einfach baut.
So war ja auch das Verhalten jener ersten Jünger Jesu in der römischen Welt. Das stand ihnen fest, dass diese Welt der Kaiser, der Macht und Gewalt vergehen würden. Sie hatten sie nicht zu zerstören mit gleicher Gewalt. Sie musste vergehen, weil Gottes Mächtigkeit ihr fehlte, ihr Gewissen nicht Gott gehörte. So lebten sie in dieser Welt. Aber ein Anerkennen dieser Welt gab es nicht für sie. Sie wussten, dass ihr Gewissen Gott gehöre und dass sie die Welt jetzt schon zu gestalten hatten, die sie erwarteten, die einmal diese ganze Welt der Gewalt, des Kaisers, des römischen Reiches ablösen sollte – nicht wieder durch Gewalt, sondern dadurch, dass sie sie überwachse, getragen von denen, die „Gott gaben, was Gottes ist“.
Wer aber jene andere Welt innerlich anerkennt, ihr ein Stück seines Gewissens – oh – der das Gewissen ganz gibt – der ist eben aus der Welt Gottes herausgefallen. Ein Nebeneinander beider, ein Kompromiss beider, ist nicht möglich. Es kann auch nicht so sein, dass wir mit dem Leibe jener Welt der Gewalt angehören, mit Seele und Gewissen der Welt Gottes. Was der Leib tut, wird von den Kräften der Gesinnung und des Gewissens bestimmt, die ihn regieren. Mit dieser Gesinnung kann man aber nur einer dieser Welten angehören. Gehört man der einen an und glaubt an die selbstverständliche schaffende Macht der äußeren Dinge, dann wird man Staat und Wirtschaft, Volk und Kirche, Wissenschaft, Erziehung und Schule, Kunst und Arbeit gestalten nach ihrem Geiste – unter diesen Geist zwingen wollen – und alles Geistige langsam zerstören. Denn alles Geistige ist ja irgendwie bedingt durch das Schöpferische, das von Gott stammt und nur da wahrhaft wirken kann, wo man Gott gibt, was Gott ist. Gibt man Gott, was Gottes ist, so wird man eben auch darum ringen, Volk und Kirche, Staat und Kultur, Wirtschaft und Arbeit, Kunst und Wissenschaft, Erziehung und Schule im Gehorsam gegen ihn zu gestalten. Unsere Welt ist eine einheitliche Welt. Man kann nicht in einem Teil dem Materiellen dienen und in dem anderen Gott. Man kann nur lächelnd denen das Materielle lassen, die es allein wollen und in allertiefstem Gegensatz zu ihnen das tun und sein, was zu Gott gehört und sein Reich in diese Welt hineinwirkt. Wir wissen dann, dass wir, während wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, diese Macht der Unterdrückung überwinden durch die schöpferischen Gewalten dessen, was denen gegeben ist, die ihr Gewissen an Gott binden.
Als die römischen Kaiser Frieden schaffen wollten durch ihre Unterdrückung der Völker unter Verachtung der Mächte des Gewissens und der Gerechtigkeit, war das Ergebnis ein ungeheures Sterben, der zur Hoffnungslosigkeit verdammten Völker. Und als die Völker erdrückt waren, starb auch die erdrückende Aristokratie, und Germanen setzten sich an die Stelle derer, die mit Macht allein regieren wollten.
„Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen“ – Dies Wort gilt, wie für das persönliche Leben auch für das Volks, Staats- und Menschheitsleben, auch für Kultur und Wirtschaft. Wer meint, es gälte nicht, der meint, dass Gott nicht die Urgrundlage und Urgewalt über aller Welt sei.

„Alle Leiden des Volkes Gottes zu allen Zeiten kamen davon, dass seine Glieder nicht teilnehmen konnten an den nationalen Religionen und Gottesdiensten, die Menschen gemacht und eingerichtet hatten. Sie wollten nicht Gottes Religion und seinen Dienst verlassen, die er eingesetzt hat. In allen Chroniken und Geschichtsbüchern mögt ihr sehen, dass die Priester sich mit den Mächtigen der Völker verbündeten, den Obrigkeiten, mit denen die dem Volke nach dem Munde redeten und ihm Gutes verkündeten. Diese alle einten sich gegen das Volk Gottes und brachten leere, erdichtete Dinge gegen sie in ihrem Rate vor. Wenn die Juden schlecht handelten, wendeten sie sich gegen Moses. Wenn die jüdischen Könige das Gesetz Gottes übertraten, verfolgten sie die Propheten, wie in deren Schriften gesehen werden kann. Als Christus, die Schöpferkraft, kam, verfolgten die Juden Christus, seine Apostel und Jünger. Und als die Juden nicht genug Macht hatten, sie so zu verfolgen, wie sie es sich wünschten, holten sie sich die Heiden zu Hilfe gegen Christus, gegen seine Apostel und Jünger, die im Geiste und in der Macht Christi standen“ (Journal George Fox, I, 536).