Sonntag, 29. Juni 2014

Heaven can wait? Warten – eine zentrales Wesensmerkmal des Christentums

Ben Pink Dandelion, einen ehemaligen britischen Punk und heute international angesehener Quäkerforscher, habe ich vor über zehn Jahren erstmals in den USA getroffen. Später habe ich in Woodbrooke (England) mehrere Kurse bei Ben besucht und bin seitdem mit ihm befreundet. Nun endlich haben auch diejenigen eine Chance, von dem Wissen von Ben Pink Dandelion zu profitieren, die nicht die Chance haben, (relativ teure) Kurse in den USA oder England zu besuchen. Und das in deutscher Sprache!

Es handelt sich um den erster Teil eines Vortrages, der 2013 anlässlich der Jahresversammlung der kanadischen Quäker in Kemptville (Ontario) gehalten wurde. Othmar F. Arnold hat ihn dankenswerter Weise übersetzt. In Auszügen wäre der Vortrag sicher etwas für die deutsche Zeitschrift „Quäker“. 
Das Zentrale am Christentum sei, nach Dandelion, das Warten: Warten auf Christus, Warten auf das Ende der Zeit, Warten auf die zweite Wiederkehr (dazu vor allem „Heaven on Earth: Quakers and the second coming“ von Doug Gwyn). So gebe es eine göttliche Zeit und eine menschliche Zeit. Zwischen beiden gibt es Übergänge und Schnittstellen: zunächst im Tod und Auferstehung von Christus, dann auch in der Erlösung jedes Menschen, der im unmittelbaren Kontakt mit Gott die Aufhebung der menschlichen (irdischen) Zeit erlebe. Neben dieser individuellen Verwandlung gibt es auch eine Transformation der gesamten Schöpfung am Ende aller Zeiten. Auch dann werde die Trennung zwischen Mensch und Gott überwunden sein (Jer. XXXI, 31-34). Einen Vorgeschmack, eine Ahnung oder ein Voraussehen sei bereits heute möglich. Gleichzeitig kommt man jedoch um weiteres Warten nicht umhin, ohne den Glauben zu verlieren, und dies ist, nach Dandelion, eine zentrale Herausforderung des Christentums.

Interessant wird es vor allem bei den verschiedenen Formen des Wartens, die sich in den letzten 2000 Jahren herausgebildet haben:

-geistliche Ämter und Priester übernehmen die Funktion des „professionellen Wartens“, sie werden gewissermaßen zu Wächtern des Wartens.

-christliche Kalender gewinnen an Bedeutung

-die Liturgie erinnert an das Warten, die Eucharistie gibt einen Vorgeschmack auf Erfüllung.

Dann gibt es Personen und Gruppen, die Schluss mit dem Warten machten. Dazu zählt Ben Dandelion die Quäker, vor allem die des 17. Jahrhunderts. James Milner war ein solcher. Allerdings, und dass unterscheidet die Quäker von andern Naherwartungs-Gemeinschaften, soll die Erlösung hier innerlich stattfinden, in einer Art radikalen Hinwendung der Seele zum Göttlichen. George Fox hat diese Überwindung der „Sünde“ schon im zarten Alter von 23 Jahren erlebt, sprach davon, und wurde deswegen ein Leben lang hart verfolgt. Für die Quäkergemeinde wurde aus dem individuellen Erleben schnell die Lehre des christlichen Perfektionismus, mit dem man die gesamte karitative Praxis der Quäker und vieles andere erklären kann.

Soweit Dandelion. Wer längere Passagen lesen möchte, findet sie HIER, wer hören möchte, HIER

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