Sonntag, 6. April 2014

Die Herforder Abtei

Im 17. Jahrhundert war Herford eine wichtige Anlaufstelle im Netzwerk sowohl der Quäker als auch der Pietisten. Hierher hatte sich die Pfalzgräfin Elisabeth zurückgezogen, eine Tochter von Friedrich V., dem Winterkönig, und Elisabeth Stuart, einer Tochter von König Jakob I. von England. William Penn und weitere Quäker – meist adeliger Abstammung – besuchten erstmals im Jahre 1671 Herford. Sechs Jahre später kam es nochmals ab dem 9. Juni 1677 und ein letztes Mal auf der Rückreise Ende Juli des gleichen Jahres einen Besuch in Herford. Die Besuche sind oft geschildert worden, tlw. etwas farbenreich, und waren v.a. ein Schwerpunkt der Kirchen- und Religionsforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
In Herford übernachteten William Penn und der Quäker-Theologe Robert Barclay im Gasthaus „Zur Krone“, das am Alten Markt lag und 1594 erbaut worden war (vermutlich Alter Markt Nr. 4). Die Quäkerversammlungen fanden damals in der Abtei statt, die gegenüber der Stiftskirche lag, wozu Elisabeth auch Bedienstete und Einwohner Herfords einlud – freilich nur ausgewählte Personen, die keinen Ärger zu machen versprachen.

         Fundamente des ehemaligen Wohntrakts der Abtei, in der sich auch William Penn bei seinem Besuch aufhielt.

Bei seinem Besuch hat Penn einen ausführlichen Bericht über seine einstmalige „Bekehrung“ zum christlichen Glauben (in der Form des Quäkertums) vorgetragen. Trotz mühevollen Suchens vieler Wissenschaftler ist dieser Bericht, der damals handschriftlich aufgezeichnet worden ist, nie aufgefunden worden.
1803, nachdem das Stift aufgelöst worden war, fand das Gebäude als Baumwollspinnerei eine neue Nutzung. 1914 wurde es leider abgerissen und durch ein neobarockes Rathaus ersetzt. Andere Orte, die mit der Geschichte des Quäkertums verbunden sind, blieben jedoch in Herford erhalten. Dazu zählt die Münsterkirche, in der die Herzogin Elisabeth im Chor vor dem Hochaltar begraben liegt. 



Die Stiftskirche

An der nördlichen Kirchenwand befindet sich ihr zu Ehren eine lateinische Gedenktafel. Neben der Kirche liegt die Stiftskapelle (auch Wolderuskapelle), wo einst die Anhänger und Anhängerinnen des Jean de Labadie sonntags und mittwochs ihre Zusammenkünfte abhielten. Diese Gemeinschaft war äußerlich den Quäkern recht ähnlich, doch sie selbst wollten mit den Quäkern nicht verwechselt werden und verwahrten sich gegen derartige Vergleiche in der Schrift „Eclaircissement ou Declaration“ (1671). Bis zu ihrem freiwilligen Abzug während der Jahre 1671/72 waren die meisten Labadisten im „Labadistenhaus“ untergebracht, welches auf der Immunität der Fürstabtei Herford erbaut worden war, gegenüber der Fürstabtei, und welches noch heute als Wohnbau dient. 



Das Labadistenhaus in der Elisabethstraße zu Herford

Zweimal am Tag gab es hier eine Andacht. Die Mitglieder lebten in Gütergemeinschaft zusammen, bis auf drei adelige Frauen von Sommelsdijk, die ein eigenes Haus in Herford bewohnten. Wie von den Quäkern, erzählte man sich auch von den Labadisten allerlei Geschichten, die meist die Theologie oder die Lebensweise dieser Gruppen diffamierten. Häufig wurde ihnen unterstellt, gewaltsam das Reich Gottes herbeiführen zu wollen. So wurde selbst Herford mit dem Himmlischen Jerusalem verglichen, als der Kurfürst Karl Ludwig, der Bruder der Herzogin, in einem Brief über Labadie sagte, daß dieser angeblich „die Macht besitze, die wertvollen Steine der Kaufleute Amsterdams nach Herford kommen zu lassen, um das Heiligtum zu bereichern und dort das neue Jerusalem zu bauen“.


Quellen u. Lit.: FHLSC, RG/69, Box 17-19 (Hull Collection); KAH A 10.58; Anabaptisticum et Enthusiasticum, 1702; O. Seidensticker: W. Penn’s Travels. In: PMHB, II, 1879, 237-282; J. Graham: William Penn, 1916; O. Wöhrmann: Elisabeth von der Pfalz, 1920; E. Schmid: Beziehungen der Quäker zu westdeutschen Gemeinden, in: Ravensberger Blätter, 1931, III, 1, 2-4.

(Ersveröffentlichung: Quäker. Zeitschrift der deutschen Freunde, 78, 1, 2004, S. 55-56).

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