Donnerstag, 14. November 2013

Wolfgang Hertle: Zur Geschichte der gewaltfreien Bewegung in Westdeutschland. Eine Einladung.

Zur Geschichte der gewaltfreien Bewegung in Westdeutschland zwischen Kriegsende und außerparlamentarischer Opposition

Weiter unten findet man eine spannende Projektskizze über ein Themenfeld, mit dem sich Dr. Wolfgang Hertle (Hamburg) viele Jahre beschäftigt. Er sucht nun nach Möglichkeiten, im Gespräch, in Seminaren und Veranstaltungen mit Menschen verschiedener Generationen über wesentliche Fragen in der Geschichte wie in der Gegenwart der gewaltfreien Bewegungen zu sprechen und gemeinsam zu lernen.
Es geht weniger um die Geschichte einzelner Verbände, als darum zu verstehen, wie sich die Idee und die Praxis der gewaltfreien Aktion in Deutschland entwickelt haben:
-Wie schlug das sich das gewaltfreie Prinzip zur Praxis nieder, entgegen der Widerstände im angepassten, legalistischen Deutschland ?
-Ging es allein um die Verhinderung des Schlimmsten (Krieg und Diktatur) oder konnten sich alternative  Zielvorstellungen von einer gerechteren  und gewaltärmeren Gesellschaft  gegen die Normen der beiden deutschen Staaten im Kalten Krieg artikulieren?

Dies sind auch heute höchst aktuelle Fragen, defensive gewaltfreie Aktionen werden unzureichend bleiben. Wenn wir betonen, dass Ziele und Mittel übereinstimmen sollen, folgt zwingend  die Frage, welche Kriterien eine gewalfreie oder mindestens gewaltärmere Gesellschaft aufweisen müsste. Daraus ergäben sich Hinweise auf die Strategie und die Organisierung der gewaltfreien Bewegung.
Da ich Wolfgang Hertle und das Hamburger Institut für Sozialforschung von eigenen Besuchen her kenne, unterstütze ich das Projekt gerne. Hertle ist auch bereit, vor Ort über sein Projekt und über Friedesnsarbeit zu sprechen - sicher eine lohnenswerte Sache (Kontakt: Dr. Wolfgang Hertle, Waterloostr. 18, 22769 Hamburg)

Projektskizze

Bisher fehlt eine ausführliche Darstellung der Gruppierungen, Diskussionen, Schriften und Aktionen der Bewegung für gewaltfreien Widerstand in Deutschland. Interessante Erfahrungen sind weitgehend vergessen, könnten aber das Selbstbewusstsein der heutigen stärken, wenn sie in die Erinnerung zurückgeholt werden. Die geplante Arbeit legt ihren Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1945 und 1968 sowie auf Westdeutschland.

Probleme Bewegungsgeschichte zu schreiben, bzw. eigenständige Traditionen zu bilden liegen im schwachen Selbstbewusstsein dieser Bewegung, den Unterschieden ihrer weltanschaulichen Wurzeln und dementsprechend ihrer politischen Konsequenzen. Hinzu kommt eine schwache Traditionsbildung, die Jüngeren beginnen subjektiv jeweils von vorne bzw. wissen wenig von ihren Vorgängern. Daher kamen Anstöße zum praktischen Engagement oft aus dem Ausland über bekannte Vorbilder wie die indische Unabhängigkeitsbewegung (Mahatma Gandhi) oder der US-Bürgerrechts- bewegung ( Martin-Luther King) bzw. durch Erfahrungen bei Friedensdiensten im Ausland.

Zwei Arten von Quellen- und Traditionsbildnern
- Pazifistische Organisationen wie der Internationale Versöhnungsbund (VB), die Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und der Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) publizierten eigene Zeitschriften und Broschüren in höherer Auflage. In den Heften von “Versöhnung“ (1947-1969), Vorläuferin der Zeitschrift „Gewaltfreie Aktion“, “Friedensrundschau“ (1947-1966) und „zivil“ (1958-1974) war Gewaltlosigkeit/ Gewaltfreiheit häufig Thema, woraus nicht unbedingt zu schließen ist, dass dies die Leitlinie für Theorie und Praxis dieser Verbände darstellte.
- Es waren eher Einzelne bzw. kleine Gruppen am Rande, innerhalb wie außerhalb dieser Verbände, die darauf drängten, dass gewaltfreie Prinzipien nicht verbal bleiben, sondern sich durch Praxis in Aktionen äußern müsse. Der apolitische Pazifismus der Verbände,  Kompromissergebnis zwischen bürgerlichen, sozialdemokratischen und kommunistischen Fraktionen frustrierte diese Minderheitengruppen, weshalb ein Teil von ihnen es vorzog, unabhängige Gruppen zu bilden, um eindeutiger und effektiver arbeiten zu können. Diese Gruppen veröffentlichten Rundbriefe und organisierten Fortbildungsseminare, z. B. im Internationalen Freundschaftsheim Bückeburg. Erwähnt werden sollen an dieser Stelle
-Personen
-wie die beiden Heidelberger Studenten, die Im Dezember 1951 die evakuierte Insel Helgoland besetzten und sie letztlich vor der Zerstörung durch RAF- Bombenabwürfe retteten. Oder
-Prof. Nikolaus Koch mit seinem ambitionierten Programm gegen den „modernen Fünfkrieg“ und den Schulungen für „Freiwillige“ in Witten-Bommern
-die Hamburger Gruppe engagierter Buddhisten „Die Streitlosen“(1952-1954), die vom Koreakrieg für deutsch-deutsche Friedensarbeit mobilisiert wurden,
-Der Hamburger „Aktionskreis für Gewaltlosigkeit“ (1956-1963), aus dem ab 1960 die Initiative für die ersten Ostermärsche gegen Atomwaffen hervorging (insbesondere durch Helga Stolle und Konrad Tempel).
-Die Stuttgarter Gruppe „Gewaltfreie Zivilarmee“ (1962-1965) mit Theodor Ebert und Wolfgang Sternstein, die u. a. das Nachrichtenblatt für gewaltfreie Aktionsgruppen „konsequent“ herausgab.
-Die Hannoveraner Gruppe „Direkte Aktion u. a. mit Wolfgang Zucht und ihre gleichnamigen Blätter für Anarchismus und Gewaltlosigkeit (1964-1966)

Diese Gruppen sind wenig bekannt, daneben gab es zwischen 1956 und 1966 weitere Gruppen in Berlin (Studienkreis für Fragen des gewaltlosen Widerstandes), Hannover (Arbeitskreis für Fragen des nichtverletzenden Widerstands), Kiel (Aktionskreis für Gewaltlosigkeit), Frankfurt (Arbeitskreis für Gewaltlosigkeit), Braunschweig, aber auch Initiativen für ein deutsches „Komitee der 100“ sowie diverse Aktionen Zivilen Ungehorsams in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen, meist im Rahmen der WRI Sektionen IdK und VK, die noch weitgehend unerforscht sind.
Unzureichend untersucht sind bisher auch größere Aktionen wie der „Verhandlungsgang für den Frieden“ 1953 von Hamburg über Bonn nach Ost-Berlin. Oder der „San Francisco - Moskau – Marsch“, der 1964 Deutschland durchquerte.

Zu den Quellen:

Zeitschriften:                                                         
Folgende Zeitschriften und Rundbriefe enthalten besonders viele Hinweise auf die Entwicklung der zu untersuchenden Bewegungsströmung:              
  Friedensbote, bzw. Friedensrundschau,1947-1966
                                                                         Versöhnung, 1947-1969
                                                                         Informationen bzw. zivil
                                                                         Das Gewissen
                                                                         Der Christ in der Welt
                                                                         konsequent
                                                                         Direkte Aktion
                                                                         Werkhefte
                                                                         Gemeinschaft und Politik
                                                                              
Bestände in folgenden Archiven:

Archiv Aktiv (Hamburg):                                     Gertrud Westhoff, Korntal;
Dr. Lothar Schulze, Hannover,
IdK Berlin, „Die Streitlosen“

Evangelisches Zentralarchiv, Berlin                      Wilhelm Mensching
                                                                        Internationales Freundschaftsheim Bückeburg
                                                                        Internationaler Versöhnungsbund

Forschungsstelle für Zeitgeschichte (Hamburg): Theodor Michaltscheff, IdK (1947-1966)

Hamburger Staatsarchiv                                     Verband der Kriegsdienstverweigerer (H. Stahnke)

Friedrich Ebert-Stiftung, Bonn                           Helmut Hertling, Christel Beilmann

Hamburger Institut für Sozialforschung               Konrad Tempel, Arbeitskreis für Gewaltlosigkeit,
Ostermarsch der Atomwaffengegner
Dr. Herbert Stubenrauch, Frankfurt
Klaus Marwitz, Hannover/Bremen

Staatsarchiv Düsseldorf                                    Internationale der Kriegsgegner
                                                                       Deutsche Friedensgesellschaft
                                                                       Verband der Kriegsdienstgegner         
Staatsarchiv Darmstadt                                      Hanne und Klaus Vack

IISG, Amsterdam                                              War Resisters’ International
                                                                         
Privatsammlung                                    Prof. Andreas Buro, Grävenwiesbach
                                                           Prof. Egon Becker,. Kronberg

Mit einigen Zeitzeugen habe ich in den letzten Jahren zeitgeschichtliche Gespräche und zum Teil ausführliche Tonbandinterviews geführt, darunter

Christel Beilmann; Horst Bethmann, Theodor Ebert, Günter Freitag, Dr. Hildegard Goss-Mayr,          Dr. Hans Gressel, Arnold Haumann, Dr. Helmut Hecker, Dr. Rolf Hinder, Prof. Nikolaus Koch, Ilse Köhler, Dr. René Leudesdorff, Dr. Lothar Schulze, Dr. Reiner Steinweg, Dr. Wolfgang Sternstein, Dr. Herbert Stubenrauch, Helga und Konrad Tempel, Hanne und Klaus Vack.

Andere Zeitzeugen habe ich erlebt, aber nicht rechtzeitig bzw. ausreichend befragen können,
so Prof. Gustav Heckmann, Helmut Hertling, Günter Frucht, Heinz Kloppenburg, Rosel Lohse-Link, Wilhelm Mensching, Agnes Rösler, Wilhelm Ude,Trude Westhoff.

Zu befragen bleiben u. a. Prof. Egon Becker, Prof. Arno Klönne, Günter Fritz,

Nicht nur in Archiven und am Schreibtisch:

Neben der einsamen Arbeit, aus unzähligen Puzzle-Teilen eine einigermaßen repräsentative „Geschichte“ zu schreiben, möchte ich gern einen kollektiveren Prozess des Forschens, Lernens und Verbreitens der Ergebnisse anregen durch:
- Vorträge über einzelne Personen, Organisationen und Gruppen, Zeitschriften, Bildungs- und Begegnungsstätten, transnationale Kontakte und Lernprozesse
- Bildungsurlaubsreisen an Orte bemerkenswerten Widerstandes (z.B. Dreyecksland, Gorleben, FREIe HEIDe, Larzac)
- Recherchen vor Ort zusammen mit Zeitzeugen und jüngeren Aktiven sowie an Zeitgeschichte Interessierte
- Tagungen mit ZeitzeugInnen und jüngeren Aktiven sowie an Zeitgeschichte Interessiert
- Studientage mit DoktorandInnen und sonstigen an Bewegungsgeschichte Interessierten

Wolfgang Hertle 


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