Montag, 6. August 2012

Sydney Dawson Bailey: Friedensforscher und Friedensaktivist

Der Vater von Sydney Dawson Bailey war bis zu seinem Ausschluss ein Mitglied der Methodistenkirche, seine Mutter war jüdischer Herkunft. Sydney Bailey war der älteste von drei Geschwistern. Die Familienumstände zwangen ihn, mit fünfzehn Jahren die Schule zu verlassen. Zwei Jahre zuvor war sein Vater verstorben, ohne der Familie ein Vermögen zu hinterlassen. Sydney Bailey zog zu seinem Onkel nach Leeds und war dort in dessen Bekleidungsfabrik beschäftigt. Auch arbeitete er zeitweise in einer Bank, in einem Versicherungsbüro und dann wieder in Fabriken. Nichts deutete darauf hin, dass er einmal eine Position einnehmen sollte, die ihn in Berührung mit den UN-Entscheidungsträgern der Welt bringen sollte. In diesen materiell dürren Jahren hat er sich zum Christentum bekehrt, leitete mehrere Crusader-Sommerfreizeiten und war aktives Mitglieder der anglikanischen Kirche, obwohl er nicht mit allen ihrer Lehren übereinstimmte. Schon im Alter von dreizehn Jahren war Bailey in der Schule von einer Predigt des anglikanischen Bischofs Blackburn über Lukas XX, 25 („So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“) berührt, konnte aber dessen bellizistischer Auslegung nicht folgen. Langfristig stand sein Pazifismus der anglikanischen Kirche entgegen, so dass sich der junge Mann nach einer neuen religiösen Heimat umsehen musste. Zwar begann er schon 1937 die Quäkerversammlungen von Leeds zu besuchen, ließ sich aber von Wortbeiträgen, die Neville Chamberlains (1869-1940) Position nach dem Münchener Abkommen guthießen, von einer Mitgliedschaft bei den Quäkern zurückschrecken.
In der Quäker-Hilfsorganisation „Friends Ambulance Unit“ (FAU) arbeitete er während des Zweiten Weltkriegs als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Ab 1940 richtete er im Osten Londons Schutz- und Erholungsräume für Ausgebombte in öffentlichen Schulen ein. Später ging er für FAU nach Burma und China, wo er medizinische Hilfslieferungen auf der Burmastraße im Westen Chinas organisierte. In China trat er der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) bei. Er war später ein Mitglied des Hampstead Monthly Meeting, und als er nach East Finchley im Norden von London umzog, gehörte er dem dortigen Golders Green Meeting an. 

Links: Londoner Saal, in dem häufig das Britain Yearly Meeting tagt. 
Rechts: Im hinteren Bereich rechts, erste Reihe, Platz Nr. 6, findet man den einstigen "Stammplatz" von Sydney Bailey, von wo aus er viele Versammlungen aufmerksam verfolgte und mitgestaltete.
Zu den Quäkergottesdiensten, die er den Rest seines Lebens regelmäßig besuchte, trug er stets eine kleine Ausgabe des Neuen Testaments mit sich, in die er viele Notizen auf dünnes Papier eintrug. In China war es auch, wo er an Bilharzia erkrankte. Er musste von der US Air Force nach Kalkutta ausgeflogen werden, wo er für ein Jahr im Krankenhaus lag. Über zehn Jahre wurde diese schwere Tropenkrankheit jedoch nicht richtig diagnostiziert und konnte ungehindert seine Beine wie die inneren Organe schwer angreifen. Sein Leben lang musste er mit erheblichen gesundheitlichen Problemen zu Recht kommen, wie Einschränkungen in der Beweglichkeit und schier unerträglichen Rückenschmerzen. Trotz schlechter Prognose sollte er jedoch noch vierzig Jahre leben. Er sprach selten über seine Einschränkungen, so dass seine Mitmenschen schnell vergessen konnten, dass unentwegt der Schatten des Todes über ihn kreiste. Von den Ereignissen dieser Jahre in China und dem Krieg in Europa gibt seine Swarthmore Lecture aus dem Jahre 1993 späten Bericht. Diese Vorlesung hielte er trotz seiner bereits vorangeschrittenen Tumorerkrankung, und er hatte sogar eine medizinische Behandlung ihretwegen unterbrochen. Er fühlte sich bereits so geschwächt, dass ein weiterer Vorleser bereit stand, in einem möglichen Schwächeanfall die Vorlesung zu übernehmen. Dieser Vortrag soll ein außergewöhnliches Ereignis gewesen sein, dass bei vielen Anwesenden tiefe Erinnerungen hinterlassen hat. In die Geschichte eingegangen ist der Ausspruch: „Peace begins within ourselves. It is to be implemented within the family, in our Meetings, in our work and leisure, in our own localities, and internationally. The task will never be done. Peace is a process to engage in, not a goal to be reached“ (Peace is a Process, 1993, 173).
Weihnachten 1944 hatte Sydney Bailey Brenda Friedrich kennengelernt, die Tochter eines deutschen Vaters, Leonhard Friedrich (22.11.1889-15.3.1979), und einer englischen Mutter, Mary Friedrich (6.8.1882-8.11.1970). Bereits wenige Monate nach dem ersten Zusammentreffen fand die Hochzeit am 26. April 1945 in London statt. Mit Brenda Bailey hatte er zwei Kinder: Martin (geb. 1947) und Marion (geb. 1949). Sydney Bailey führte innerhalb seiner Familie ein ruhiges unspektakuläres Privatleben in seinem Haus im Norden Londons. Der Morgen war meist mit schriftstellerischer Tätigkeit ausgefüllt, der Nachmittag diente der Entspannung und Reflexion. Dabei hörte er gerne klassische Musik, besonders von Johann Sebastian Bach (1685-1750). Weniger bekannt ist seine Leidenschaft für Kriminalromane, vor allem, wenn sie von Frauen geschrieben waren. Zu seinen Lieblingsschriftstellerinnen gehörten Patricia Highsmith (geb. 1921) und P. D. James (1920-1995). Der Pazifist Bailey soll so viele Kriminalromane gelesen haben, dass er aus Platzgründen nur das jeweils beste Buch einer Autorin in seinem überbordenden Bücherregal aufbewahren konnte.
Nach dem Krieg begann seine eigentliche Karriere als Schriftsteller und als Friedensforscher. Die notwendigen wissenschaftlichen Kenntnisse hat er sich ohne Universitätsausbildung selbst angeeignet. Er war ein Autodidakt. Die eigene Recherche und das Ausarbeiten eines eigenen Standpunktes ohne akademische Zwänge und berufsbedingte Rücksichtnahmen waren sein lebenslanges Prinzip. Er konnte sich freier und ungezwungener äußern, als es sich diejenigen erlauben konnten, die sich durch Ehrgeiz und Karriererücksichten manchmal zu falschen Kompromissen oder Meinungslosigkeit gezwungen sahen. Zunächst war er für kurze Zeit vom 2. Juni 1945 bis zum 29. Juni 1946 der Herausgeber des „Friends’ Ambulance Unit Chronicle”. Anschließend wurde er von 1947 bis 1949 Mitherausgeber der Zeitschrift “Parliamentary Affairs. Journal of the Hansard Society”. Ab Winter 1949 war er der alleinige Herausgeber dieser Zeitschrift, die 60.000 Haushalte erreichte, und gleichzeitig Direktor der Hansard Society. In Zusammenarbeit mit Sir Stephen King-Hall (1893-1966), einem unabhängigen Mitglied des Parlaments, schrieb er in den fünfziger Jahren vornehmlich über Verfassung und Regierung. Seine Hoffnung war gewesen, die Konflikte, die Minderheiten und Mehrheiten miteinander austrugen, durch rechtliche Vereinbarungen zu lösen. Diese Arbeit führte ihn beispielsweise zum Nordirlandkonflikt, dem Nahen Osten und nach Südafrika. Nach einigen Jahren Tätigkeit für die Hansard Society Stiftung arbeitete er von 1954 bis 1958 im Büro der Quäker mit den Vereinten Nationen in New York. Auf Bailey gehen viele Versuche zurück, die Konfliktparteien durch informelle Treffen in privater Atmosphäre fern der Öffentlichkeit zur gegenseitigen Annäherung zu bewegen. Zwischen 1958 und 1960 ermöglichte es ihm das Carnegie Endowment for Peace in New York, sich ungestört seinen Forschungen über den internationalen Pazifismus zu widmen. Nachdem er nach Europa zurückgekehrt war, leistete er zusammen mit seiner Frau eine ganz ähnliche Arbeit wie in New York im Quaker UN Office in Genf und in London. Seit 1960 konnte er durch die Joseph Rowntree Charitable Stiftung bis 1981 finanzielle Unterstützung erfahren. Innerhalb dieser Stiftung war er von den frühen siebziger Jahren bis 1993 ein Mitglied des „Northern Ireland Committee“. In London ist die Gründung des William Penn House in den sechziger Jahren sein besonderes Anliegen gewesen, ebenso wie die Einrichtung eines Lehrstuhls für die ethische und moralische Problematik der Kriegsführung am King’s College in London. Ein Hauptteil seiner Tätigkeit bestand darin, christliche Pazifisten und Vertreter des Militärs miteinander ins Gespräch zu bringen. Auch in der „Division of International Affairs at the British Council of Churches“ war Bailey für zwanzig Jahre tätig und nahm an vielen Konferenzen dieser interchristlichen Dachorganisation teil. Anfang der achtziger Jahre wurde er der Vizepräsident des von ihm mitbegründeten „Council on Christian Approaches to Defence and Disarmament“. Auch zählte er zu den Gründungsmitgliedern des „Stockholm International Peace Research Institute“. Versöhnung war ein wichtiges Ziel seiner Bemühungen, die er aus christlicher Verpflichtung ernst nahm. Er unterstützte jede kleine Bemühung und Initiative auch der Konfessionskirchen, denen er jedoch vorwarf, nicht genug gegen Hass, Ausbeutung und andere Ungerechtigkeiten in der Welt zu tun. Besonders die Problematik der Nuklearbewaffnung, der Menschenrechte und der Apartheid wurden von Bailey immer wieder aufgegriffen, und in einigen dieser Bereiche trug seine Arbeit späte Früchte. Sein dauerhafter Kontakt mit Führungspersonen aus dem politischen und militärischen Lager war allerdings unter den Quäkern selbst nicht gänzlich unumstritten.
Baileys schriftstellerische Tätigkeit ist sein bleibendes Verdienst. Über die Institutionen und das Funktionieren der Vereinten Nationen schrieb er annähernd zwanzig Bücher, die von großer Fachkenntnis zeugten und vielen Diplomaten wie Funktionären praktische Hilfe leisteten und auch heute noch leisten. Er positionierte auch zahlreiche Beiträge in angesehenen und einflussreichen Tageszeitungen, so etwa im Spectator, Manchester Guardian, The Economist, Observer, in der Jewish Chronicle (The Organ of British Jewry), Telegraph und in The Times. Besonders ergiebig zeigte sich seine Zusammenarbeit mit George Orwell (Eric Blair, 1903-1950), in dessen “Tribune” er Rezensionen und gelegentlich Beiträge über die Politik in Fernasien publizierte. Am 20. Juni 1985 erhielt er von Robert Runcie (1921-2000), dem Erzbischof von Canterbury, die Ehrendoktorwürde (Honorary Doctor of Civil Law), wobei ihm erlaubt wurde, an Stelle des Eides eine Versicherung zu leisten. Im gleichen Jahr erhielt er von der World Academy of Arts and Sciences den „Rufus Jones Award“ für seine internationale Versöhnungsarbeit. Drei Jahre zuvor war sein zweibändiges Standardwerk „How Wars End“ (1982) erschienen, mit Fallstudien zum Krieg in Indonesien, in Kashmir, Palästina, Korea und Zypern, sowie Arbeiten über den Security Council. Diese wurde besonders von Kronprinz El Hassan Bin Talal of Jordan (geb. 1947) geschätzt, mit dem Bailey eng befreundet war. Wegen des ersten Golfkrieges 1991 im Irak reiste das Ehepaar Bailey noch 1990 nach Jordanien, um mit Hilfe der UN zwischen den Fronten zu vermitteln, wenngleich auch, wie so oft, seine Bemühungen vergeblich waren. - Sydney Baileys Stärke war die scharfe Analyse in gekonnter rhetorischer Manier, die weniger talentierten Rednern auch Furcht einflößen konnte. Von Emotionen hat er sich nicht beeinflussen lassen, weder im öffentlichen noch im privaten Leben. Seine Krankheit ertrug er mit stoischer Gelassenheit, wie er den politischen Wechselfällen seiner Zeit trotz allen Engagements letztlich mit innerer Ruhe gegenübertrat, die nur das Wissen von etwas Größerem zu geben vermag. Neben Kenneth Boulding (1910-1993) und Rufus Jones (1863-1948) gehört er zu denjenigen Pazifisten unter den Quäkern, die ihre Gedanken weit über die eigene Religionsgemeinschaft hinaus in die Öffentlichkeit brachten und damit eine Vielzahl weniger bekannte Menschen zu einer ebensolchen Haltung, wenn auch im Verborgenen, ermutigten.

(Erstveröffentlichung BBKL, Bd. 24, 2005, Sp. 155-169)

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