Donnerstag, 19. Juli 2012

Quäker der Woche (24): Der Wirtschaftstheoretiker und Soziologe Kenneth Ewart Boulding

Kenneth Boulding wurde in Liverpool geboren und wuchs in einer Methodistenfamilie auf. Er studierte in Oxford am New College zunächst Chemie, wechselte aber sehr bald an den Fachbereich Politikwissenschaften, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Bei seinem Abschluss 1931 (degree) erlangte er die Bestnote. Anschließend lehre er fünf Jahre in Oxford. Während einer Fahrt nach Amerika lernte er den Ökonom Joseph A. Schumpeter (1883-1950) kennen, der ihm empfahl, für einige Zeit nach Harvard und erst darauf nach Chicago zu gehen. Dort ermöglichte es ihm das Commonwealth Fellowship, seine wirtschaftswissenschaftlichen Studien zu vertiefen. 
Unter dem Einfluss von Frank H. Knight (1885-1972) und Henry Schultz (1893-1938) verfasste er eine Serie von Aufsätzen zur Kapitaltheorie, die sich allerdings gegen Schumpeters Wirtschaftstheorie richteten. Als Lektor begab er sich zurück nach Schottland an die Universität von Edinburgh, wo er in einer für ihn unbefriedigenden Stellung als Assistent gehalten wurde. 1937 begab er sich erneut nach Amerika, um in Colgate seine Synthese des Keynesianismus in dem zweibändigen Werk „Economic Analysis“ (1941) niederzuschreiben. Anschließend arbeitete er für die League of Nations in Princeton und unterrichtete an der Fisk Universität in Tennessee. Kurzfristig unterrichtete er auch am Iowa State College in Ames, eine Stellung, die er wegen politischer Differenzen kündigte. Ab 1949 war er an der Universität von Michigan beschäftigt, wo er den „Center for Research in Conflict Resolution“ aufbaute. Zwischenzeitig hatte er immer wieder kurzfristige Lehraufträge in Stanford, wo er den „Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences“ aufbaute, an der International Christian University in Japan und an der Universität von Montreal. Schließlich nahm er 1967 eine feste Stellung an der Universität von Colorado in Boulder an. Dort lehrte er als Professor für Wirtschaftstheorie bis zu seiner Emeritierung 1980.
Boulding war seit 1941 mit Elise Bjorn-Hansen verheiratet und hatte fünf Kinder: John Russell, Mark David, Christine Ann, Philip Daniel und William Frederic. Mit seiner Frau ging er eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft ein, die seine Vielzahl an Aktivitäten und Publikationen erst ermöglichte. Besonders in der Friedensarbeit profitierte Kenneth Boulding von ihrer Unterstützung, die ihm als Privatsekretärin unentwegt zur Verfügung stand.
Kenneth Bouldings Hauptbeschäftigung war das Schreiben. Bereits im Alter von 32 Jahren publizierte er einen ersten Artikel über die Theorie bestmöglicher Nutzung von Ressourcen. In seinen ersten Arbeiten beschäftige er sich mit der Kostennutzenrelation, der Kapitaltheorie und dem Internationalen Handel. Später arbeitete er vor allem an einer Synthese von Biologie und Ökonomie, die lange Zeit wenig Anerkennung fand. Sein Zweifel am unbegrenzten Wachstum und die Ansicht, dass mehr Freiheit auf der einen Seite auch immer mehr Einschränkungen des Rechtes auf der anderen Seite heißen müsste, stieß gerade in den USA auf wenig Gegenliebe. Auch zog Boulding immer wieder ethische, religiöse und - für seine Zeit bemerkenswert - ökologische Überlegungen in seine Untersuchungen mit ein. Auch trat er unentwegt für eine Integration der Sozialwissenschaften in die Wirtschaftswissenschaften ein, was in dem Werk „A Reconstruction of Economics“ seinen Niederschlag gefunden hat. Wichtige Ansätze, die erst später von der Konfliktforschung, der Mediationswissenschaft und der Friedensforschung aufgegriffen wurden, wurden von Boulding ausgearbeitet und mit seinem weltweiten Wirken als Pazifist praktisch erprobt. 1942 wandte er sich öffentlich gegen den Zweiten Weltkrieg und gefährdete seine Position als Professor. 1965 hielt er das erste „teach-in“ gegen den Vietnamkrieg. Im Wissen um die Entstehungsgründe von kriegerischen Auseinandersetzungen sah Boulding den Schlüssel zu ihrer Beendigung. In „Conflict and Defense“ (1962) analysierte er Monopolisten, Meinungsführer sowie Multiplikatoren bezüglich ihres Einflusses auf unterschiedliche Konfliktformen. Seine Bemühungen um die Friedensforschung mündeten in der Gründung der Zeitschrift „Journal of Conflict Resolution“ im Jahre 1957. Auch seine Mitgliedschaft in der „Religious Society of Friends“ (Quäker) ist als Zeugnis seines pazifistischen Engagements zu verstehen. Er publizierte zahlreiche seiner Aufsätze zur Friedensforschung in den Zeitschriften der amerikanischen Quäker. Boulding trat auch als Dichter hervor, wenn auch weitaus weniger erfolgreich. Bekannter wurden seine „Nayler Sonnets“, eine freie Bearbeitung der Sterbensworte von James Nayler (1617-1660), einem chiliastischen Quäker des siebzehnten Jahrhunderts.
Boulding war einer der am meisten öffentlich geehrten Pazifisten Nordamerikas. Schon 1949 bekam er die John Bartes Clark Medal der American Economic Association verliehen, deren Präsident er 1968 werde sollte. Im Laufe seines Lebens bekam er über dreißig Ehrendoktorwürden verliehen, die Zahl seiner Preise, Ehrungen und sonstigen Anerkennungen, die in den USA fast mehr gelten als die eigentliche Leistung, ist schier unüberschaubar. Auch verging fast kein Jahr, in welchem Boulding nicht als Präsident einem nationalen oder internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsverbund vorstand. Von 1957 bis 1959 war er Präsident der „Society for General Systems Research“, 1968 Präsident der „American Economic Association“, von 1969 bis 1970 Präsident der „International Peace Resarch Society“, von 1974 bis 1975 Präsident der „International Studies Association“, im Jahre 1979 Präsident der „American Association for Advancement of Science“ und von 1982 für ein Jahr Präsident der Sektion der Ökonome bei der „British Association for the Advancement of Science“. Er war gewähltes Mitglied des „Institute of Medicin“, der „American Academy of Arts and Sciences“ und, seit 1975, der „National Academy of Science“. In diesen Gesellschaften, deren Einfluss auf Politik und Wirtschaft enorm ist, war sein Wirken möglicherweise von größerem Einfluss als in seinen akademischen Schriften, die trotz und wegen ihrer geistigen Brillanz und ihrer intellektuellen Originalität nur einem kleinen Kreis vertraut waren.

(Erstveröffentlichung BBKL, Bd. 23, 2004, 114-163)

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