Sonntag, 3. Juni 2012

Eine Quäkerandacht in Holland im Jahre 1779

Nach und nach werde ich viele in der Zeitschrift „Quäker“ von mir erschienen Texte auch in einer Onlinefassung anbieten – kostenlos und für alle frei zugänglich. Über die Vorteile einer Onlinepublikation hatte ich bereits berichtet. Ich beginne mit einem Text von 1999:

Eine Quäkerandacht in Holland im Jahre 1779

In einer Barockzeitschrift habe ich einen (anonymen) Brief gefunden, der den deutschen Lesern vor über zweihundert Jahren eine schweigende Andacht näherbringen sollte. In den Schriften zum europäischen Quäkertum ist der Brief nicht bekannt, daher stelle ich ihn hier in originaler Schreibweise vor. Briefe wie diese haben zur positiven Meinung über die Quäker viel beigetragen, nachdem man im Jahrhundert zuvor überwiegend abschätzig von der „Sekte“ schrieb. Der Ort des Geschehens, ein schmales Holländerhaus, wurde übrigens einmal im „Quäker“ abgebildet, nämlich in der 9. Ausgabe von 1932, auf Seite 88:

Hier der Originaltext in altertümlicher Schreibweise:

„Wir glaubten, daß man des Sontags am wohlfeilsten und bequemsten die Kirchen besehen könne, und liessen uns daher aus einer in die andere führen; eine etwas undankbare Mühe. Die besten hiesigen Kirchen bedeuten in Ansehung der Architektur nicht viel, und man findet auch schon in Deutschland, zumal in dem katholischen Theile, weit sehenswürdigere. Die dissidentischen Kirchen sind so verstekt, daß man sie ohneWegweiser nicht finden kan. Mehrentheils sind sie hinter den Häusern angebracht, und die auch an der Strasse liegen, haben doch vorn heraus eine Facade wie andere Privathäuser. Glokken und sogar Thürmer werden ihnen bekantlich nicht zugestanden. Die neue lutherische Kirche, eine der besten, hat indessen eine ansehnliche Kuppel, die einem Thurme ähnlich sieht. 
Am längsten hielten wir uns bei den Quakern auf. Am äussersten Ende des hinter einem Hause ganz abgesonderten Versamlungssaals sassen die Glieder der Gemeine, zehn an der Zahl, welche sich von vielen mitgegenwärtigen neugierigen Zuschauern, sowohl durch Kleidung als Gebärden, merklich genug unterschieden. Auf einer besondern etwas erhabenen Bank befanden sich zwei ältliche Männer, von welchen einer, wie man uns sagte, wahrscheinlicher Weise predigen würde. In der Versammlung herschte die tiefste Stille, welche blos durch das mit allerlei andächtigen Bewegungen begleitete Seufzen des einen der gedachten Männer von Zeit zur Zeit unterbrochen wurde. Die Bewegungen und Seufzer wurden immer lebhafter, bis sie nach Verlauf einer guten halben Stunde nach und nach wieder abnahmen. Ich besorgte schon, der heilige Geist würde uns diesmal zum besten haben, als er plötzlich desto mächtiger in dem andern werckte. Dieser erhob sich auch bald, legte seinen runden Hut ab, und hielt mit vielem natürlichen Anstande eine ganz erbauliche Rede von der Unmöglichkeit, ohne Beihülfe des Geistes Gottes etwas Gutes zu wirken. Nach Endigung derselben sezte er sich wieder nieder, und nun begaben wir uns hinweg, mit dem festen Glauben, daß hier mehr Andacht hersche, als in allen übrigen holländischen Kirchen, in welchen es ziemlich wild und unanständig hergeht. Bei den Quakern und einigen damit verwanten Sekten findet man vielleicht weit mehr wahres Christenthum, als bei irgend einer andern Religionspartei“.

(Quelle: Briefe aus Holland, Amsterdam dem 11ten Heumonat 1779. In: Deutsches Museum, 1781, S. 367-377. Erstveröffentlichung: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, 73, 8/9, 1999, S. 154.)

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