Montag, 9. April 2012

Quäker-Sufi-Dialog: zu Gast beim Sheikh


Wer sich für echte Sufis interessiert, der muss gar nicht in den nahen oder fernen Osten reisen, sondern man hat diese Religionsgemeinschaft quasi vor der Haustür. Obwohl ich schon viele Jahre in Berlin lebe, habe ich von den Sufis erstmals auf der „Esoterika“, einer Fachmesse für alles Mögliche und Unmögliche, gehört. Tatsächlich, sie haben in Berlin-Neukölln ein Hauptzentrum mit vielen unterschiedlichen Angeboten, Kursen, Veranstaltungen. Sogar den Derwisch-Tanz kann man hier erlernen.

Quäkertum und Sufismus: eine ungewöhnliche Begegnung
Während zu einer Berliner Andacht momentan drei bis fünf Quäker erscheinen, waren hier schätzungsweise 200 Sufis plus Interessierte versammelt. Wer hätte das gedacht! Bislang glaubte ich, sei der Sufismus nur etwas für wenige Mystiker, die mehr oder wenig einsam vor sich hinleben. Doch: gelebter Sufismus ist ganz anders.

Gehst du zu den Sufis, dann musst du Zeit mitbringen. Jeden Freitag treffen die ersten gegen 8 Uhr abends ein, und der letzte verlässt etwa gegen vier Uhr früh den Saal: summa summarum acht Stunden – Respekt. Wer würde schon eine achtstündige Quäkerandacht aushalten? Obwohl: es gibt auch Quäkergemeinschaften, die längere Andachtszeiten ausprobiert haben, und auch die ersten frühen Quäker standen durchaus drei bis vier Stunden im Gebet versammelt. Und, fairerweise muss man sagen, dass nicht alle Anwesenden bei den Sufis so lange bleiben, vielmehr herrscht ein Kommen und Gehen, vielleicht vergleichbar mit der katholischen Messe, wo auch manche nur bei der eucharistischen Wandlung anwesend sind.

                                                    Keine Angst vor Öffentlichkeit: der Schaukasten der Berliner Sufis

Der Sufi-Abend beginnt erst dann richtig, wenn Sheikh Eşref Efendi eintrifft. Der Saal ist proppevoll, die Stimmung bis aufs Äußerste angespannt. Zu Ehren des Sheikh muss man sich ehrfurchtsvoll erheben, eine Zeremonie, die man auch im Buddhismus kennt und mit der schon viele Quäker Schwierigkeiten haben dürften. Der größte Teil des Abends verläuft dann so, dass der Sheikh Reden hält – erst in Türkisch, was sogleich ins Deutsche übersetzt wird. Das hat denn positiven Effekt, dass man ausreichend Zeit hat, über das Gesagte zu meditieren. Dazwischen wurden auch immer wieder Gebete gesprochen oder Lieder gesungen. Nun, bei monotonem Sprechgesang von „Es Salaam, Es Salaam, Es Salaam, Es Salam, Es Salaam usw.“ kam durchaus echte Sufi-Stimmung auf. Thema der ersten Stunden war, dass man sich Schutz nicht kaufen kann, sondern dass dieses Gefühl nur von Gott in das Herz gegeben werden kann. Dann wurde darüber gesprochen, dass das, was man ruft, sein Gast wird. Durchaus wahre Worte.

Nach etwa zwei Stunden hatten wir uns alle eine Pause verdient: die Speisetafel wurde aufgetragen. Wer einmal orientalische Gastfreundschaft erleben möchte, dem kann ich nur Berlin-Neukölln empfehlen. Was hier an Köstlichkeiten aufgetischt wird, mit welcher Freundlichkeit Gäste empfangen werden – dass muss man erlebt haben. Einen besseren Mokka habe ich mein Lebtag noch nirgends geschlürft als hier auf dem Diwan, in angeregten Gesprächen über „Gott und die Welt“ mit meinen Nachbarn vertieft.

Gastfreundschaft wird hier großgeschrieben: Sufis essen im Sitzen

Es folgt: ein zweiter Vortragsteil, ebenfalls durch Lieder unterbrochen. Mitunter kann der Sheikh auch äußerst witzig sein und irritiert seine Zuhörer mit unkonventionellen Gedanken, etwa: „Gestern gab es Kutschen. Heute Autos. Überall Autos. Warum aber fragt keiner nach fliegenden Pferden? Warum muss es immer ein Mercedes sein? Jeder, jeder sitzt auf seinem Metall herum. Kein Metall mehr, nein, kein Metall mehr – jetzt wollen wir mal fliegen“. Dazu kann ich sofort „ja“ sagen, doch für meine Mitquäker und andere ist solches sicher eine etwas schwere Kost – und soll es auch sein.

Das bringt mich zu der Frage, die mich eigentlich hierher geführt hat: Haben Quäkertum und Sufismus etwas miteinander zu tun, gibt es besondere Ähnlichkeiten, eine Quäker-Sufi-Verbundenheit? In persönlichen Gesprächen habe ich so etwas schon gehört, und im Internet kann man sogar Behauptungen lesen wie: „Durch das Spiel haben wir auch erfahren, wie nahe sich Quäkertum und Sufismus im Grunde sind“. Um es vorwegzunehmen: Nein, Quäkertum und Sufismus unterscheiden sich in wesentlichen Dingen. Und das ist auch gut so. Zunächst ist Quäkertum aus dem Christentum entwachsen, der Sufismus aus dem Islam. Die Stellung der Frau ist in beiden Gemeinschaften völlig unterschiedlich, geradezu konträr. Singen und Tanzen hat bei den Sufis religiöse, spirituelle Bedeutung. Am wichtigsten scheint mir aber der Punkt zu sein, dass es bei den Quäkern keinen „Papst“ gibt, der die übrigen belehrt und ihnen Vorträge hält, sondern dass bei den Quäkern eben das Prinzip Laienpriestertum umgesetzt wurde.

Im Wertschätzen des Schweigens liegt vielleicht die größte Gemeinsamkeit (neben der Ablehnung der Mission seitens der Sufis, die aber nur für einen Teil des Quäkertums gilt):

„Wann lernen wir Nachdenklichkeit? Im Schweigen. Und wann üben wir Geduld. Im Schweigen“.

Worte von Hazrat Inayat Khan, Sufi-Meister aus Indien (1882-1927).