Samstag, 14. April 2012

Johann Peter Hebel: Der listige Quäker (1812)


Volksaufklärer hatten ein besonderes Interesse am Quäkertum (siehe dazu meinen Beitrag: Paedagogica Quakeriana: Die Schulen der deutschen Quäker in Westfalen im 19. Jahrhundert, in: Westfälische Zeitschrift, 159, 2009, S. 281-302). Unter den Aufklärern hatte der Theologe, Pädagoge und Dichter Johann Peter Hebel (1760-1826) ein besonderes Interesse an den Quäkern, vermutlich hat er sie über seinen Freund Matthias Claudius kennen gelernt, oder die Quäker bei einem Kuraufenthalt in Pyrmont sogar selbst besucht.
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Wie auch immer, es gibt von Hebel eine kleine Geschichte, die 1812 in der Zeitschrift „Der Rheinländische Hausfreund“ erschienen ist. Diebstähle, wie hier geschildert, waren damals an der Tagesordnung. Die Geschichte reiht sich ein in zahlreiche weitere wahre oder erfundene Quäkergeschichten, in denen immer die ehrlichen und friedliebenden Quäker am Ende Recht behalten – waren die Quäker im 17. Jahrhundert noch der Bürgerschreck par excellence, so waren sie zwei Jahrhunderte später zu Moralaposteln geworden.

„Der listige Quäker“

„Die Quäker sind eine Secte zum Exempel in England, fromme, friedliche und verständige Leute, wie hierzulande die Wiedertäufer ungefähr, und dürfen vieles nicht tun nach ihren Gesetzen, nicht schwören, nicht das Gewehr tragen, vor niemand den Hut abziehn, aber reiten, dürfen sie, wenn sie Pferde haben. Als einer von ihnen einmal abends auf einem gar schönen stattlichen Pferd nach Haus in die Stadt wollte reiten, wartet auf ihn ein Räuber mit kohlschwarzem Gesicht, ebenfalls auf einem Roß, dem man alle Rippen unter der Haut, alle Knochen, alle Gelenke zählen konnte, nur nicht die Zähne, denn sie waren alle ausgebissen, nicht am Hafer, aber am Stroh. ‚Kind Gottes’, sagte der Räuber, ‚ich möchte meinem armen Tier da, das sich noch dunkel an den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten erinnern kann, wohl auch ein so gutes Futter gönnen, wie das Eurige haben muß dem Aussehen nach. Wenn’s Euch recht ist, so wollen wir tauschen. Ihr habt doch keine geladene Pistole bei Euch, aber ich’.
Der Quäker dachte bei sich selbst: ‚Was ist zu tun? Wenn alles fehlt, so hab ich zu Haus noch ein zweites Pferd, aber kein zweites Leben’. Also tauschten sie miteinander und der Räuber ritt auf dem Roß des Quäkers nach Haus, aber der Quäker führte das arme Tier des Räubers am Zaum. Als er aber gegen die Stadt und an die ersten Häuser kam, legte er ihm den Zaum auf den Rücken und sagte: ‚Geh voraus, Lazarus, du wirst deines Herrn Stall besser finden, als ich’. Und so ließ er das Pferd vorausgehen und folgte ihm nach Gasse ein, Gasse aus, bis es vor einer Stalltüre stehenblieb.
Als es stehenblieb und nimmer weiterwollte, ging er in das Haus und in die Stube, und der Räuber fegte gerade den Ruß aus dem Gesicht mit einem wollenen Strumpf. ‚Seid Ihr wohl nach Haus gekommen?’ sagte der Quäker. ‚Wenn’s Euch recht ist, so wollen wir jetzt unsern Tausch wieder aufheben, er ist ohnedem nicht gerichtlich bestätigt. Gebt mir mein Rößlein wieder, das Eurige steht vor der Tür’. Als sich nun der Spitzbube entdeckt sah, wollte er wohl oder übel, gab er dem Quäker sein gutes Pferd zurück. ‚Seid so gut’, sagte der Quäker, ‚und gebt mir jetzt auch noch zwei Taler Rittlohn; ich und Euer Rößlein sind miteinander zu Fuß spaziert’. Wollte der Spitzbube wohl oder übel, mußt er ihm auch noch zwei Taler Rittlohn bezahlen. ‚Nicht wahr das Tierlein läuft einen sanften Trab’, sagte der Quäker.

P.S. 6.5.2014: Eine schöne Interpretation dieser Geschichte unter dem Stichwort "Gelassenheit" findet man neuerdings bei Thomas Strässle: Gelassenheit - Über eine andere Haltung zur Welt, München 2013, S. 83-86.