Montag, 30. April 2012

Herrnhuter Brüdergemeine und Quäker: Tierschutz im 19. Jahrhundert

Tierschutz ist eines der Anliegen, welches sowohl die Quäker als auch die Herrnhuter Brüdergemeine beschäftigte.

Das Eintreten der Quäker für den Tierschutz belegt diese schöne Zeichnung von 1841: Eine Gruppe Schaulustiger beobachtet einen Hahnenkampf, der Quäker steht missbilligend abseits.

Ludwig Nikolaus von Zinzendorf, der Gründer der Brüdergemeine, lebte von 1700 bis 1760. Er wurde in Sachsen geboren und in Halle an der Saale ausgebildet. Ab 1722 errichtete er mit böhmischen Glaubensflüchtlingen die pietistische Siedlungsgemeinschaft Herrnhut, von der aus weitere Siedlungen gegründet wurden. Die politische Situation in der Mitte des 18. Jahrhunderts und die spezifische Frömmigkeit der Herrnhuter, die sich an der liebenden Herzensneigung zu Christus maß, ließen die Brüdergemeine mit eigener Verfassung, Synode und Kirchenleitung zur evangelischen Freikirche außerhalb der lutherischen Kirche werden.

Zinzendorf befand sich 1741 bis 1742 in Amerika, hauptsächlich in Neuengland. Hier, wie auch bereits in England, kam es zu vielfältigen Berührungspunkten mit Quäkern und Quäkerinnen. Besonders in Pennsylvania, wo von Herrnhutern die utopisch geprägte Siedlung „Bethlehem“ aufgebaut und lange Zeit in Gütergemeinschaft geführt wurde, trafen die Herrnhuter Brüder und Schwestern auf Quäker. Dabei lernten sie deren Glauben und Wirken kennen und wurden davon beeinflusst, wie auch umgekehrt die Quäker sich mit den Herrnhutern auseinanderzusetzen hatten. Ohne Kommunikation konnte man nicht aneinander vorbeileben. Einige Quäker pflegten intensive Kontakte zu den Herrnhutern. So etwa Stephen Grellet (1773-1855), ein evangelikaler Quäker, der mehrmals Deutschland besuchte und auch bei den Herrnhutern zu Gast war. Umgekehrt predigte 1741 Anna Nitschmann (1715-1760), eine Bauerstochter, die im Juni 1757 den Grafen Zinzendorf heiratete, in einer amerikanischen Quäkerversammlung. Leider ist uns der Wortlaut ihrer Predigt nicht überliefert.
Im 19. Jahrhundert trat vornehmlich der missionierende Zweig der Quäker in Konkurrenz zu den Herrnhutern, besonders dort, wo beide Gesellschaften, wie in Afrika und Fernasien, ähnliche Projekte betrieben. Es kam, trotz aller Unterschiedlichkeit, immer wieder zu Berührungspunkten und Austausch, wobei das Anliegen um den Frieden beide Religionsgemeinschaften einander näher brachte. Davon zeugen die Berichte und Nachrichten, die in den Zeitschriften der Quäker abgedruckt wurden. In dem Bestand der Bibliothek in Pyrmont betrifft dies „The Friend. New Series“, (ab 1861), „Friends' Monthly Magazine“ (1830/1831) und „The Friends' Quarterly Examiner“ (ebenfalls ab 1861).
Der ausgewählte Text (s.u.) stammt vermutlich von einem Amerikaner aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der den Orthodox-Quäkern zuzuordnen ist. Erschienen ist er in der Zeitschrift „Friend's Review“, die von Samuel Rhoads in Philadelphia von 1856 bis 1868 herausgegeben wurde. Der Beitrag ist nicht namentlich gekennzeichnet, was nichts ungewöhnliches war. Schon die frühen Freunde des 17. Jahrhunderts haben gelegentlich ihren bürgerlichen Namen vermieden und unterschrieben mit heute sonderbar anmutenden Umschreibungen. So unterzeichnete Edward Burrough, ein treuer Weggenosse von George Fox, einige seiner Schriften mit „Son of Thunder and Consolation“: Burrough sah sich gleichzeitig als Mahner und als Tröster. Auch sogenannte „Akronyme“, also Initialwörter, wie G. F. für „George Fox“, waren äußerst beliebt - nicht nur bei Quäkern. Sie sollten eine besondere Demut ausdrücken - nicht der Autor war wichtig, sondern der Text. Die Leser wussten jedoch meist ohnehin, um wen es sich handelte. Das beweisen die zahllosen Gegenschriften, in denen der Autor oder die Autorin dann mit seinem bzw. ihrem richtigen Namen aufgedeckt wurden.
Die kurze Geschichte belegt das Interesse der Freunde am Tierschutz, das tief in der Geschichte des Quäkertums verwurzelt ist und uns zunächst zu einem anderen Anliegen, dem der Sklaverei, führt. 1758 beschloss eine tumultartig ablaufende Versammlung des Philadelphia Yearly Meeting of Friends, diejenigen Quäker aus der Gesellschaft auszuschließen, die am Import und Verkauf von Sklaven beteiligt waren. Immer mehr setzte sich die Ansicht durch, dass Sklaverei gegen Gottes Gebote verstoße. Mit dem Sieg der Unionsstaaten über die Konföderierten im nordamerikanischen Bürgerkrieg war 1865 die Sklaverei gesetzlich untersagt. Auch wenn es in der Praxis anders aussah, so schien doch ein wichtiges Anliegen der Quäker erfüllt worden zu sein - es waren neue Aufgaben zu suchen. Eine davon war der Tierschutz, der besonders manchen Vegetariern unter den Quäkern am Herzen lag. Die Herrschaft des Menschen über Tiere wurde mit Sklaverei gleichgesetzt und stehe einem versöhnten Leben mit und in der Schöpfung Gottes entgegen. Bereits in der Bibel wird von einem Friedensreich gesprochen, in dem die ganze Schöpfung mit Gott und sich selbst versöhnt ist. Eine erste Vorstellung davon ist von dem Propheten Jesaja überliefert: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und die Leoparden werden bei den Böcken liegen. Ein kleiner Junge wird Kälber, Löwen und weiteres Vieh gemeinsam weiden“ (Jesaja XI, 6, ähnlich Jesaja LXV, 25). Diese Vision wurde von den Quäkern nicht als schwärmerische Illusion abgetan, sondern sie fühlten sich aufgerufen, an der Herstellung besserer Zustände hier und jetzt in der Welt zu wirken. Bekannt sind die über 50 Motive dieses Friedensreiches, die der Quäkermaler Edward Hicks (1780-1849) im Laufe seines Lebens schuf und „The Peaceable Kingdom“ nannte. Den hohen Stellenwert, den diese All-Versöhnung bei den Quäkern einnahm, wurde von der deutschen Tierärztin Julie Schlosser zusammengefasst, die den Quäkern sehr nahe stand. In ihem Buch „Die unbekannten Brüder. Das ethische Problem Mensch und Kreatur“, das 1932 erschienen ist (erweiterte Auflage 1954 unter dem Titel: „Das Tier im Machtbereich des Menschen“, ist zu erfahren, dass 1821 unter Beteiligung von Quäkern in England der erste Tierschutzverein der Welt gegründet wurde und 1835 ein Schutzgesetz für alle Haustiere im Unterhaus angenommen wurde. Weitere Texte zu diesem Thema wurden im Londoner Friend abgedruckt, der damals noch maßgeblichen gesellschaftlichen Einfluss hatte (Ausgaben 1875, 176, 178; 1876, 186; 1877, 198;).
Die Geschichte „Graf Zinzendorf und die Taube“ endet mit dem Aufruf „Plea for the Dumb Creation“, also etwa „Bittet für die beladenen Geschöpfe“. Dieses Zitat verweist auf einen Text von John Woolman (1720-1772), der einen bekannten Text „A Plea for the Poor” (“Eine Bitte für die Armen”) nannte.

Graf Zinzendorf und die Taube


Die Grausamkeit gegenüber Tieren ist immer ein Zeichen einer einfältigen und herzlosen Gesinnung. Große Seelen erkennen wir hingegen an ihrer echten Humanität. Ich erinnere mich, vor einiger Zeit eine berührende Geschichte über den Grafen Zinzendorf gelesen zu haben, als dieser noch ein Junge war. Er war, wie allgemein bekannt ist, ein großartiger deutscher Adliger, der ganz in der Welt lebte, um Gutes zu vollbringen.
Eines Tages spielte er mit einem Reifen am Ufer eines tiefen Flusses, der außerhalb des Schlosses, in welchem er aufwuchs, entlang floss. Dort entdeckte er eine Taube, die sich im Fluss abmühte. Aus unerklärlichen Gründen war sie ins Wasser gefallen und konnte sich nicht mehr befreien. Der junge Graf, der sonst recht wasserscheu war, rollte unverzüglich einen Waschbottich, der in der Nähe lag, zum Ufer, sprang hinein und steuerte mit Hilfe eines Stockes zu der kleinen Taube, die mächtig zappelte und wild ihre Flügel schlug. Zinzendorf nahm die Taube in seine Arme, ruderte in dem Bottich zurück und gelangte sicher zurück an Land. Nachdem er seine kleine Gefangene zärtlich an seiner Brust gewärmt hatte, lief er mit dem Tier in den Wald, wo er es frei ließ.
Nun kam seine Mutter hervor, nachdem sie die ganze Rettungsaktion sorgenvoll vom Schlafzimmerfenster aus beobachtet hatte. „Warst du denn gar nicht ängstlich?“ fragte sie. „Oh doch, ich war ziemlich ängstlich“, antwortete der Junge, „aber ich konnte es nicht ertragen, dass das Tier so zugrunde gehen sollte. Weißt du, Mutter, vielleicht haben irgendwo junge Vögel in einem Nest sehnsuchtsvoll Ausschau gehalten, wann endlich die Taube nach Hause kommen würde!“
- Plea for the Dumb Creation -

(Erstveröffentlichung: Claus Bernet: Herrnhuter und Quäker: Tierschutz im 19. Jahrhundert, in: Quäker. Zeitschrift der deutschen Freunde, 76, 6, 2002, S. 280-282).